Wissen | schafft | Stadt

Die Leitthemen der IBA Heidelberg

Prof. Michael Braum, Geschäftsführender Direktor, IBA Heidelberg
Prof. Undine Giseke, Landschaftsarchitektin, TU Berlin

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Komplex und dynamisch, wie sie ist, konfrontiert uns die Wissensgesellschaft permanent mit Neuem und Ungewissem und zwingt uns dazu, Ambivalenzen auszuhalten. In ihrem Entwicklungsprozess umsichtige, kluge Entscheidungen zu treffen, bedarf neuer Handlungskompetenzen – die IBA »Wissen | schafft | Stadt« fokussiert sich in diesem Kontext auf städtebauliche und architektonische Bereiche, um in Prozessen und Projekten konkret zu werden. Fünf aus dem Motto »Wissen | schafft | Stadt« resultierende Einzelthemen charakterisieren die IBA Heidelberg als Planungslabor des 21. Jahrhunderts.

Wissenschaften – Heidelberg als »Knowledge Pearl«

Das erste Thema wirft die Frage auf, wie sich in der Wissensgesellschaft das Verhältnis zwischen Stadt und ihren Wissenschaftsstandorten zukünftig gestaltet und welche Ansprüche Stadt und Wissenschaftseinrichtungen stellen. Verbesserte Rahmenbedingungen in den Stätten der Wissensproduktion werden zu einem wichtigen Standortfaktor, gerade in einer so traditionsreichen Universitätsstadt wie Heidelberg. Die IBA sieht sich als Katalysator für die zukünftige Entwicklung der Knowledge Pearl Heidelberg im Zusammenwirken von Stadt, Universität, anderen Wissenschaftsinstitutionen und dem Land Baden-Württemberg. Entsprechende Kommunikations- und Kooperationsplattformen wie beispielsweise das von der IBA initiierte »Forum Wissenschaften« zu etablieren, fordert und fördert die Akzeptanz und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure. Gefragt ist ein zukunftsorientierter Umgang mit den Entwicklungssequenzen der Wissenschaftsstadt – Altstadt, Bergheim, Neuenheimer Feld – und deren Weiterentwicklung insbesondere im Kontext der Programmierung der Konversionsflächen.

Lernräume – Wissen in der offenen Gesellschaft

Die IBA geht davon aus, dass in der Wissensgesellschaft der Zugang zu Information und kodifiziertem Wissen zu einem öffentlichen Gut geworden ist. Damit eröffnen sich unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen neue Handlungsoptionen. Für die IBA rücken dabei neue Formen zivilgesellschaftlicher Handlungskompetenz und kooperative Raumproduktionsweisen in den Fokus. Dies vollzieht sich umso komplexer vor dem Hintergrund einer immensen Internationalisierung der Stadtgesellschaften durch wachsende Migrationsprozesse sowie der zunehmenden Verknüpfung analoger und digitaler Welten. Ein ganzheitliches Konzept der Wissensgesellschaft erfordert entsprechende Stadtentwicklungsstrategien. Das große Interesse der Heidelberger Stadtgesellschaft an diesem Themenfeld zeigte sich deutlich im ersten Projektaufruf der IBA. Die IBA hat die Aufgabe, hier richtungsweisende Projekte einer zukünftigen Praxis auf den Weg zu bringen, die über klassische Bildungskonzepte hinausgehen.

Vernetzung – Infrastrukturen des Alltags

In der Wissensgesellschaft ist die Auseinandersetzung mit und die Integration von widerstrebenden Bedürfnissen eine stete Herausforderung. Von eminenter Bedeutung ist dabei der Zugang aller zum Stadtraum, zum Wissen und zu den Orten der Wissensvermittlung. Angeschlossen zu sein – sozial, kulturell wie physisch – wird für die Lebensqualität zunehmend wichtiger. Infrastrukturen wie Straßen, Plätze, Schulhöfe und Campus-Areale tragen dazu erheblich bei. Ihre Funktion und Gestaltung unterliegen jedoch permanenten Anpassungserfordernissen. Im Streben nach hervorragender Qualität im Alltag wird ihnen auch zukünftig eine unbestritten hohe Bedeutung zuteil. Die IBA fragt darüberhinaus, welche neuartigen Schnittstellen und Begegnungsräume die Wissensstadt von morgen braucht und wie solche zu gestalten sind. Dabei geht es um die verkehrsbedingte Vernetzung, die sich vor allem im Standard der Mobilitätsinfrastrukturen widerspiegelt ebenso wie um die digitale Vernetzung, die sich im Kontext der gesellschaftlich sensiblen Debatten zur Industrie 4.0 beziehungsweise zur Sensible oder Smart City zeigt. Die IBA setzt sich antizipativ mit den räumlichen Konsequenzen dieser Entwicklungen auseinander.

Stoffkreisläufe – metabolische Stadtentwicklung und die nachhaltige Stadt

Es ist nicht nur eine ökonomische Dimension von Wissen, die uns von der Wissensgesellschaft sprechen lässt. Wie sich immer deutlicher zeigt, führt die Globalisierung zu einer neuen Kultur des Re-Groundings, des Erdens und Verortens. Gefordert ist – nicht zuletzt ablesbar an der an Fahrt gewinnenden Diskussion um das Anthropozän – eine neue Sicht auf die »urbanen Stoffwechselprozesse« mit der umgebenden Landschaft und die Wechselbeziehungen von Stadt und Land. Auch das erfordert – gemessen an den wachsenden Personenund Materialströmen – ein immer komplexeres Wissen.

Heidelberg kann auch in diesem Bereich den Rahmen einer IBA nutzen, um sich gut sichtbar den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen. Deutliche Zeichen wurden hier in den vergangenen Jahren bereits durch die Energie- und Klimakonzeption für die Bahnstadt gesetzt. Einen Schritt weiter zu gehen, bedeutet sich mit der Re-Lokalisierung von Systemen wie Wasser, Nahrung und Energie auseinanderzusetzen und diese Ansätze mit den sozialen und urbanen Bewegungen zu verbinden.

Koproduktion – Governance, Planungsmethoden und Prozesse

In der Tradition ihrer Vorgängerinnen macht auch die IBA Heidelberg den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs und damit ein prozessuales und auf vielfältige Akteure ausgerichtetes Verständnis von Stadtentwicklung zur Grundlage ihres Handelns. In der komplexen Wissensgesellschaft geht es um das Paradox der Planung des Unplanbaren, um das sorgfältige Eruieren des Gewünschten und des Machbaren ebenso wie um kollaborative Prozesse zur Initiierung von Projekten. Im Kontext der IBA sind neue Governance-Formen zu allererst mit Blick auf die Qualifizierung der verschiedenen Wissensorte in der Stadt zu konkretisieren. Mit ihnen öffnet sich ein wichtiger Aktionsraum, der das Ganze der Stadt umfasst und – quer über die oben beschriebenen vier Themenfelder hinweg – für die koproduzierte Stadt steht.

Diese erfordert neue Arbeitsformate, die die IBA unter anderem am Beispiel des ehemaligen Patrick-Henry-Village erprobt. In Zusammenarbeit mit internationalen Büros und auf der Grundlage unterschiedlicher Szenarien zu den oben beschriebenen Themenfeldern werden in einem ergebnisoffenen, diskursiven Prozess integrierte Zukunftsvorstellungen der »Wissensstadt von morgen« entwickelt. Die unterschiedlichen Akteure tauschen ihre Vorstellungen im Rahmen von Design Thinking Workshops aus. Die kontinuierliche Dokumentation der Ergebnisse bildet die Grundlage für die Ausarbeitung einer räumlichen Entwicklungsvision.

Dies ist nur ein Beispiel für den Anspruch der IBA, Plattform für eine kollaborative Praxis zu sein, um Heidelberg als eine Wissensperle auch in der Wissensgesellschaft zum Glänzen zu bringen und Orte zu generieren, in denen die Verknüpfung von Stadt und Wissen einen zukunftsweisenden und beispielhaften räumlichen Ausdruck findet.