Heidelberg und seine IBA

Experimentierräume für eine sozial ausgewogene, europäische »Knowledge Pearl«

Prof. Dr. Ulf Matthiesen
Stadtethnologe, TU Berlin

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Städte, die einer wissensbasierten Entwicklungsagenda folgen, erleben weltweit einen rasanten Bedeutungszuwachs. Wichtige Zeitdiagnostiker vermuten zugleich auf gesellschaftlicher Ebene einen Epochenbruch – hin zu einer »posttraditionalen Wissensgesellschaft «. Ursache dafür ist, dass Wissen in seinen mannigfachen Formen, Funktionen, Akteurskonstellationen und institutionellen Arrangements zur entscheidenden Grundlage unseres Zusammenlebens geworden ist: sozial, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Welche Konsequenzen zieht Heidelberg daraus?

Wissensbasierter Urbanismus in Europa – Chancen und Herausforderungen

In den dynamischen Prozessen urbaner Kompetenzanreicherung spielen Universitäten und Forschungseinrichtungen eine zentrale Rolle. Und sie werden zu Magneten für Talente; das schließt unorthodoxe, gar heterodoxe Kompetenzformen als potenzielle Saatbeete für Kreativität und Innovation immer mit ein. Damit einhergeht eine weltweite Verschärfung der Konkurrenz um Wissen, Informationen und Daten. Und nicht zuletzt: Ohne Bildung und kontinuierliche Lernprozesse sind solche wissensbasierten Entwicklungsagenden nicht mehr denkbar. So formieren sich unter unseren Augen gerade in den Städten neue Wissenskulturen und Wissensmilieus zu charakteristischen urbanen Wissenslandschaften.

Heidelberg steht exemplarisch für die gesamte Palette dieser Prozesse. Denn gerade kleine Großstädte mit exzellenten Forschungsuniversitäten spielen in diesem weltweiten Wissenskonzert eine zunehmend wichtige Rolle, insbesondere dort, wo sie einfallsreich in eine dynamisch sich entfaltende Metropolregion – Rhein Neckar etwa – eingebettet sind. Insofern kann diese Stadt auch als ein beispielhafter, überschaubarer Experimentierraum für einen wissensbasierten Urbanismus in Europa gelten. Frühzeitig, teilweise sogar früher als andernorts, lassen sich hier markante Prozesse und Effekte dieser inzwischen weltweiten Trends erkennen. Dazu gehören auch unerwünschte Effekte – neue Disparitäten etwa. Gerade im Rahmen der IBA werden daher in Heidelberg Lösungen für die Herausforderungen dieser neuen wissensbasierten Stadtentwicklung erprobt.

Heidelberg als europäische »Knowledge Pearl« – Formierung, Statur, Entwicklungschancen

Maßgeschneidert für Heidelberg erscheint ein städtischer Strukturtyp, der zunächst von der regionalökonomischen Forschung entdeckt wurde1: das Perspektivkonzept der »Wissensperlen«, der Knowledge Pearls. So werden kleinere und mittlere Großstädte bezeichnet, die durch exzellente Forschungsuniversitäten und weitere herausragende wissenschaftliche Einrichtungen gekennzeichnet sind und die zugleich stark vernetzt innerhalb einer dynamischen Metropolregion operieren. Cambridge, Oxford, Leuven, Bologna, Lund und eben Heidelberg sind gute Beispiele dafür. Skalen- und Infrastrukturdefizite lösen Knowledge Pearlsdurch Kooperationen und Kooptationen mit den dynamischen Metropolregionen um sie herum. Probleme im Bereich Mobilität etwa, die für die neuen Wissensnomaden fatal wären, werden innerhalb dieses größeren, regionalen Kontexts gelöst. So entschärft Cambridge etwa die Mobilitätsprobleme seiner global vernetzten Wissenschaftler, indem es London-Stansted als Vorort-Hub-Flughafen nutzt. Heidelberg profitiert in dem Zusammenhang vom internationalen Großflughafen Frankfurt. Hinzu treten fruchtbringende Kooperationen mit erfolgreichen regionalen Wirtschaftsakteuren oder gar Weltmarktführern in der jeweiligen Metropolregion – im Falle Heidelbergs zum Beispiel mit SAP oder BASF.

Knowledge Pearl? – Was uns die Wissensperlen-Metapher verraten kann

Die Perlen-Metapher drängt sich aus mehreren Gründen auf. Zunächst einmal ist sie auf Anhieb verständlich – und zwar weltweit. Vor allem aber kann sie entscheidende Merkmale von wissensbasierten Entwicklungsprozessen verdeutlichen helfen. Denn der delikate Wachstumsprozess der Perlmutt-Ummantelung eines zunächst trivialen Kalkkerns mit seinen mannigfaltigen Schichtungen hat erhebliche Qualitätsunterschiede in der Struktur seiner Wachstumsringe zur Folge. Im exzellenten Fall entwickeln sich kostbare, über die Maßen attraktive Lüster- und Farb-Qualitäten, die viele Querbezüge zu den Attraktionspotentialen von Knowledge Pearlszeitigen. Zeitlich organisierte Entwicklungsprozesse entlang von DNA -Sequenzen sind dafür verantwortlich, dass jede Perle anders und eigen geprägt ist. Hinzu tritt die notwendige Pflege und Fassung der Perle durch kundige und geschickte Menschen, um deren Attraktivität zur Geltung kommen zu lassen und ihren Charme zu profilieren. Das schließt den intimen Kontakt zum menschlichen Körper beziehungsweise zu seiner Haut ein. Um den Glanz und die Attraktivität zu steigern, sind möglicherweise auch frappierend neue Fassungsvarianten angesagt.

In ganz vielfältiger Weise also scheint die weltweite Verständlichkeit der Perlen-Metapher von evolutorischen Prozessen unterfüttert, die durch eine kostbare Mischung aus Natur und Kultur, aus Tradition, Geschichte, Craftsmanship, Körperlichkeit und modernen menschlichen Interventionen geprägt ist.

Ohne große Mühe lassen sich viele dieser Prozesse mit Entwicklungstendenzen gerade von kleinen wissensbasierten Großstädten verknüpfen, gerade auch in deren ‚reizender‘ Mischung von Überschaubarkeit und Weltläufigkeit. So lassen sich ‚Lüsterqualit.ten‘ profilieren, die für den verschärften Wettbewerb um die ‚brightest minds‘ auf globalen Arbeitsmärkten wichtige Attraktivitätsvorteile bringen. Allerdings wollen diese Lüster-Vorteile intensiv gepflegt, zukunftsfähig profiliert, möglicherweise auch ganz neu gefasst werden.

All das spricht aber auch dafür, im Rahmen der Heidelberger IBA das Knowledge Pearl-Konzept von seinen regionalökonomischen Engführungen zu befreien und um kulturelle, bauliche, wissenschaftliche, soziale und politische, also um urbane Kontexte zu erweitern.

Zur kreativen Spannung zwischen Heidelberger Stadtgesellschaft und ihren Universitäten – Kooperationen und Herausforderungen

Eine seit Jahrhunderten fruchtbare Symbiose zwischen der ältesten deutschen Universität Ruperto Carola (1386) und der Stadt Heidelberg mit ihren Akteursgruppen, intellektuellen Kreisen und Arenen gilt mit Recht als Hauptcharakteristikum der langen Beziehungsgeschichte.

Zugleich zeigen und zeigten sich immer auch erhebliche Eigenheiten und Widerständigkeiten zwischen einer der forschungsstärksten Hochschulen Europas und der selbstbewussten Stadtbürgerschaft. Grund dafür sind unterschiedliche Handlungs-, Zeit- und Interessenlogiken von Universität und Stadt, von Town and Gown. Diese sind keinesfalls einzelnen Personen anzulasten, sondern dem institutionellen Arrangement geschuldet.

Zur Vorbereitung der IBA Heidelberg haben wir – im Auftrag des Stadtplanungsamtes – eine umfassende Stadtstudie zu den Heidelberger Wissensmilieus und ihren lokalen Kontexten erarbeitet2. Ein Resultat war, dass wir die Beziehung zwischen starker, exzellenter Voll-Universität mit zwölf Fakultäten und engagierter Stadt und Stadtgesellschaft immer auch als kreative Spannung kennengelernt haben. Dafür fanden wir den Begriff »symbiotische Parallelwelten« treffend.

Um diese symbiotische Parallelwelten-These zumindest für die Zeit-Dimension kurz plausibel zu machen: Kommunalpolitik agiert im Rhythmus der Wahltage, ihre wichtigsten Steuerungsfaktoren sind Macht, Einfluss und politischer Gestaltungswille. Die Universität dagegen folgt den Verfahrensnormen wahrer, relevanter Erkenntnis als ihres Zentralmodus.

Dieser rechnet zwar zunehmend auch mit wissenschaftlichen Paradigmenwechseln und damit, dass die Halbwertszeit der Gültigkeit wahren Wissens abnimmt. Dennoch folgt der Zentralmodus der Wahrheit bis in seine institutionellen Arrangements hinein einer langfristigeren Zeitlogik. Das schließt machtbewusste Durchsetzungsstrategien im Institutionengeflecht der Universität und gegenüber der Stadt ein.

Neben Stadt und Universität tritt unüberhörbar gerade in Heidelberg ein weiterer Akteur auf den Plan: eine selbstbewusste, allerdings stark fraktionierte Stadtbürgerschaft. Der Gemeinderat mit seinen verschiedenen politischen Orientierungen ist dafür das einschlägige Debatten- und Entscheidungsfeld. Und gerade hier finden sich häufig lang anhaltende, erregte Diskussionen über Tabuthemen rund um die weitere Stadt- und Universitätsentwicklung – beispielsweise fünfte Neckarquerung, Handschuhsheimer Feld, Altstadt, Konversionsflächen.

Zwar ist die Ruprecht-Karls-Universität mit 14.000 Beschäftigten – plus einigen Tausend im Universitätskrankenhaus Arbeitenden – der mit weitem Abstand größte Arbeitgeber der Stadt – bei 32.000 Studenten. Nicht zu vergessen sind die vier weiteren Hochschulen in Heidelberg: Pädagogische Hochschule, die private SRH-Hochschule, die Hochschulen für Jüdische Studien und für Kirchenmusik – insgesamt mit etwa 10.000 Studenten. Diese komplexe, große Universitätslandschaft ist im politischen Entscheidungsprozess des Gemeinderats eigentümlicherweise seit einigen Legislaturperioden nur indirekt vertreten.

Das befördert gegenseitiges Unverständnis: Die Stadtbürgerschaft zeigt sich etwa entgeistert über den ökologisch fragwürdigen Flächenhunger der wachsenden, extrem erfolgreich Drittmittel einwerbenden Forschungsuniversität. Die Ruprecht-Karls-Universität und ihre unterschiedlichen Wissensmilieus reagieren teilweise mit Fassungslosigkeit gegenüber Interessen der Stadtmilieus auf der anderen Seite, die von ihrer partikularistischen Orientierung nicht abrücken. Darunter leiden die notwendigen Kooperationsbezüge zwischen Stadt und Stadtbürgerschaft einerseits sowie Universität, Forschung und Bildung andererseits erheblich.

Wissensbasierte Stadtentwicklung, wie sie durch die Heidelberger IBA weiter profiliert wird (»Wissen | schafft | Stadt«), ist dann die Kunst, diese unterschiedlichen Handlungs- und Zeit-Logiken zu einem Win-win-Spiel der Kompromissbildung und des gegenseitigen Gebens und Nehmens weiterzuentwickeln. Der stadtentwicklungsstrategische Witz dabei ist natürlich, die dafür notwendigen Kompromissbildungen mit einer längerfristigen, über den Rhythmus der Wahltage hinausreichenden Entwicklungskonzeption zu verbinden: nachhaltig, zukunftsfähig, qualitätsvoll, gestaltrichtig integrativ und nicht zuletzt das Besondere, das Spezifische dieser hoch attraktiven Wissensstadt weiter profilierend.

Binnenstrukturen der Wissensperle Heidelberg – zwei Kulturen, drei Kulturen, viele Wissenskulturen?

Auf faszinierende Weise lassen sich die Wissenschaftsstandorte Heidelbergs immer klarer drei unterschiedlichen Wissenschaftskulturen zuordnen:

Auf höchstem Niveau ergänzt wird das Kompetenzprofil dieses Campus’ durch exzellente weitere Forschungsstandorte, etwa das European Molecular Biology Laboratory – Europas großes Flaggschiff für Grundlagenforschung im Bereich der Molekularbiologie – auf dem Boxberg.

Nur teilweise geplant, aber faktisch und räumlich sehr real hat sich gleichsam die DNA der Heidelberger Stadtentwicklung so entlang eines auch wissenschaftstheoretisch einschlägigen Skriptes von drei klar unterscheidbaren Wissenschaftskulturen entwickelt. Die dabei immer deutlicher hervortretende, sequentielle Logik der Stadt- und Universitätsentwicklung gehört inzwischen zum unverwechselbaren Charakteristikum und zum Identitätsprofil Heidelbergs. Entsprechend erkennt die IBA Heidelberg eine ihrer Aufgaben darin, diese Sequenzlogik der gesamtstädtischen Entwicklung weiter zu profilieren. Klar ist dabei, dass die drei Standorttypen ganz unterschiedliche Herausforderungen bereithalten – etwa was ihre weitere Arrondierung, Profilierung und Pflege, aber auch was ihre komplementäre Weiterentwicklung anlangt. Dazu werden Brücken und andere Verbindungen zwischen diesen Standorten immer relevanter. Und nicht zuletzt stellen die drei Wissenschaftskulturen mit ihren besonderen Wissensmilieus und Akteurskonstellationen, wie wir schon in unserer Heidelberg-Studie von 2009 gezeigt haben, deutlich unterscheidbare Ansprüche an die Stadt selbst und den umgebenden Stadtraum. Das schließt zunehmend differente Erlebnisqualitäten und Urbanitätsofferten ein.

Beispielhaft auch für andere Universitätsstädte sieht sich die Heidelberger IBA, die das »Ganze der Stadt« im Blick hält, so besonders herausgefordert. Inzwischen sind es insbesondere die großen nach Abzug des US-amerikanischen Militärs freien Konversionsflächen, die neue wissensbasierte und smarteTeil-Stadt-Typologien und kreative Nutzungsformen nahelegen, auf der immer wichtiger werdenden Spur from Lab to Market. Aktuell kündigen sich also spannende und für die Gesamtstadt entscheidende Schwerpunktarrondierungen an. Wichtig erscheint, dass diese smarten Neubespielungen der Konversionsflächen, etwa im Patrick-Henry-Village, die stadtmorphologisch kostbare sequentielle Entwicklungslogik dieser europäischen Wissens- und Universitätsstadt gestaltrichtig ‚mitnehmen‘ und weiter profilieren.

Wissen

Ganz knapp nur und eher definitorisch zu diesem hyperkomplexen, hochreflexiven Gegenstand selbst: Wissen in seiner weiteren, nicht nur kognitiven Bedeutung bezeichnet allgemein ein gesellschaftliches Können, das in der Fähigkeit zu handeln kulminiert. Die amerikanischen Pragmatisten – Charles Sanders Pearce, John Dewey, George Herbert Mead – haben Wissen kurz und knackig sowie anschlussfähig so definiert: Wissen sei eine capacity to act, also die Fähigkeit zu handeln. Das schließt geistige, kognitive Akte, Sprechakte, Intentionen und Handlungsplanungen ein. Zum Kompetenzprofil wie zur zentralen Funktion von Wissen gehört es dabei zunehmend, die exponentiell wachsende Fülle von Daten und Informationen zu ordnen und zu strukturieren, sie in überschaubare Kontexte einzugliedern und irrelevante Informationen auszuscheiden. Auch auf diese Weise werden Akteure über relevantes Wissen handlungsfähig, steigert sich also deren capacity to act.

Wissen in seinen unterschiedlichen Formen ist zugleich immer mit dem Prozess der Herstellung von Sinnbezügen – sense making – verbunden. Es hat auf diese Weise mit Erfahrung und Urteil (Husserl), mit Intuition und Werten zu tun, mit Vergleichen, Konsequenzen, dialogischen und reflexiven Praktiken. Wissen ist insofern auch stets mit Lernprozessen verschränkt. Als chronisch fallibles, also von Nicht-Wissen herausgefordertes Wissen regt es systematisch weitere Lernprozesse an. Zudem: Reger Gebrauch von Wissen nutzt dieses nicht etwa ab, sondern regt es an und erweitert es.

Für die Gegenwart der posttraditionalen Wissensgesellschaft typisch ist daneben eine extreme Pluralisierung der Orte, Institutionen und Medien der Wissensproduktion, des Wissenstransfers wie der Wissensabsorption. Die spezifischen Clusterungen dieser Kompetenzen in den Städten steigern zugleich die Profilierung von Städten, ihre Unterschiedlichkeit und Identität. Das Profil ihrer Kompetenzlandschaften sowie die urbane Grammatik dieser Orte der Wissensproduktion macht Städte also zunehmend zu besonderen Orten. Und das, obwohl zugleich die internationalen und globalen Kooperationsbeziehungen sowie massiv eskalierende Konkurrenzdynamiken stark zunehmen.

Mischungstypen von Stadt und Universität

Welt- wie europaweit werden eine ganze Reihe von typischen Kopplungsformen zwischen Wissen und Stadt realisiert und erprobt: Wissensstadt, Knowledge City, Knowledge Hot Spots, Traditionsuniversitäten in Metropolen oder Mittelstädten, Anker-Hochschulen, junge Hochschulfabriken am Stadtrand und viele mehr. Am weitesten verbreitet ist das Modell Wissenschaftsstadt, Science City. In der internationalen Stadtforschung werden damit Teilräume einer Gesamtstadt bezeichnet, die eindeutig durch Netzwerke, Bauten und Infrastrukturen aus dem Bereich der Wissenschaft, von Forschung und Entwicklung sowie durch entsprechende Bildungs- und Lerninstitutionen geprägt sind. Hinzu treten immer stärker Wissenschaft-Wirtschaft-Kopplungen, from Lab to Market. Bis in die 1990er-Jahre häufig als Campus angelegt, kennzeichnen Wissenschaftsstädte zumeist fußläufige Nähebeziehungen zu komplementärem professionellem Wissen.

Immer deutlicher werden allerdings Urbanitätsdefizite diskutiert. Diese treffen auf gestiegene Lebensstilbedürfnisse unter Studierenden, Forschenden und Lehrenden, die heute international vergleichen können. Wenn gegenwärtig Science Citiesneu geplant werden, versucht man daher von vornherein, die solitären Wissenschaftsbauten mit urbaneren Strukturen zu mischen. Zunehmend werden auch neue Arbeiten-Wohnen-Hybride erprobt und in die Zentren von Wissenschaftsstädten eingefügt. Darüber hinaus hofft man, dass derartige Teilstädte – wo sie denn gelingen – positiv auf die Gesamtstadt zurückstrahlen. Einige solcher positiven Effekte lassen sich immer noch beispielhaft an der seit Anfang der 1950er-Jahre kontinuierlich weiter profilierten Wissenschaftsstadt Otaniemi bei Helsinki von Alvar Aalto und anderen studieren.

Wissenschaftsstadt-Entwicklungen müssen auch zunehmend mit neuen Disparitäten rechnen, die möglicherweise sogar systematisch mit der Agenda wissensbasierter Stadtentwicklung verkoppelt sind – etwa zwischen geclusterten Gewinnerräumen und neuen sowie alten Peripherieräumen. Brain Drain, also die Abwanderung von lokalen und regionalen Kompetenzen in dynamische Wachstumsräume hinein, ist häufig ein Treibsatz oder Verstärkungsmechanismus dafür. Diese inzwischen auch auf europäischer Ebene kartierbaren, neuen wissensgetriebenen Disparitäten erzeugen massive Kohäsionsprobleme innerhalb wie zwischen den einzelnen Städten und Regionen.

Neue Balancen zwischen innovationsgetriebener Diversityund sozialen Kohäsionsformen werden daher gerade auch in denjenigen Städten zwingend, die entschlossen einer wissensbasierten Agenda folgen. Hierin liegt der Hauptgrund, warum im Rahmen der Heidelberger IBA mit konkreten Projekten einer inklusiven, urbanen und sozialen Stadt des Wissens zugearbeitet wird.

Auf dieser Spur muss in Heidelberg auch neu überlegt werden, wie weitere Kompetenzformen stärker in die Disparitäten abbauende Profilbildung städtischer Kenntnisformen integriert werden können: etwa das Wissen von Kreativen und Designern, von Handwerkern und Kunsthandwerkern. Aber auch das Wissen der Bodentruppen der Globalisierung, also von Krankenschwestern, Polizisten, Taxi-Fahrern, gewinnt auf neue Weise für eine wissensbasierte Stadtentwicklung an Relevanz. Hinzu treten immer deutlicher Ansätze, die eine Citizen Science, also das Wissen der Stadtbürger neugierig auch für die disziplinär geordneten Kernwissenschaften mit in den Blick nehmen.

Die soziale »Knowledge Pearl« Heidelberg – Mischungen, Optionen, Gunstlagen, Herausforderungen

Heidelberg ist geprägt durch eine hoch individualisierte Mischung aus schöner landschaftlicher Lagegunst und faszinierender Wissenslandschaft, durch Toleranz und Eigensinn, durch weltoffene Neugierde und die hartnäckige Verteidigung überkommener Werte, durch Fußläufigkeit und weltweite Wissensnetzwerke, durch wissenschaftliche Exzellenz und atemberaubende Traditionsnischen – und nicht zuletzt durch den schönen Charme einer alten, unzerstörten europäischen Universitätsstadt. Glückliche Fügungen und Traditionsabrisse, schründige, braune Zwischenepochen und intensive Vergangenheitsbewältigungen inklusive. »Heidelberger Mischung« eben oder auch: prosperierendes Welt-Dorf in einer dynamisch sich entfaltenden Metropolregion. Das alles gehört zum Kern des »Mythos Heidelberg«, mit Attraktionseffekten bei blutjungen Wissensnomaden wie betagteren amerikanischen oder japanischen Touristenrudeln gleichermaßen.

Bei Heidelbergern selbst ist inzwischen häufig ein leichter bis mittelschwerer Überdruss erkennbar, etwa über die Degradierung der Altstadt zur langen Wochenend-Bar für das stark alkoholisierte »Abhängen« junger Menschen oder über nicht mehr eingelöste Urbanitätsbedürfnisse, die eher in Mannheim und Frankfurt oder gleich in London und Paris ausgelebt werden müssen. In einigen weltweit mobilen Wissenschaftsmilieus verbreitet sich auch schon mal die Rede von Heidelberg als »Kaff« – so benannt in einem unserer Stadtforschungs-Interviews.

Manchmal und an einigen Stadtecken scheint der weite städtische Spannungsbogen derHeidelberger Mischung also in Gefahr, seine Form und Gestalt zu verlieren. Zu den wichtigen Aufgaben der IBA gehört es damit auch, den Spannungsbogen dieser Wissensperle über entsprechende IBA-Projekte gerade auch in der Altstadt wieder deutlicher zu profilieren.

Eine weitere Herausforderung tritt hinzu: Die Urbanitätsbedürfnisse von Natur-, Lebens-, Sozial- und Geisteswissenschaftlern sowie Medizinern differieren deutlich. Eine neue Generation von Wissenschaftsbauten, teilweise durchaus mit WOW-Architektur-Komponenten wie bei dem Doppel-Helix-Bau des EMBL (Bild Seite 27), trägt zwar inzwischen unzweifelhaft zur weiter wachsenden internationalen Sichtbarkeit der Wissensperle Heidelberg bei. Allerdings steigen gleichzeitig auch die Urbanitäts- und Hedonismus-Bedürfnisse der Wissensarbeiter an die Stadt und den städtischen Raum, und das – wie angedeutet – wissensmilieuspezifisch.

Gerade im Forschungs- und Wissenschaftsbereich dieser kleinen Großstadt bleibt dabei die fußläufige Nähe zu anderem relevanten Wissen von überragender Bedeutung. Insbesondere an den Cutting Edge-Fronten der Forschung, also dort, wo Neues als Neues das Erkenntnisziel ist, kommt vieles weiterhin auf personengebundenes Wissen an, also auf Wissen, das noch nicht als kodifiziertes Wissen im Netz steht. Das exzellente, Überraschungen stimulierende Wissensklima der einzelnen Universitätsstandorte regt zu interdisziplinären Kooperationsformen quer zur Furche an. Damit eröffnet sich die Chance, von Angesicht zu Angesicht einfallsreiche Zuwegungen für Problemlösungen im aktuellen Forschungsprozess zu erproben. Das schließt noch unübliche Wissens- und Kompetenzkonstellationen und differenziertere, auch überraschendere Forschungskooperationen ein – natürlich mit dem Risiko des Scheiterns. Unterstrichen wird damit nochmals die überragende Bedeutung von fußläufiger Nähe zu Personen-gebundenem, heterogenem Wissen, eine der wesentlichen Stärken der Heidelberger Wissenslandschaft. Jetzt müssen  Brückenfunktionen zwischen den einzelnen Teilen der Heidelberger Wissenslandschaft weiter gestärkt werden.

Heidelbergs wissensgeprägte Stadtteile diversifizieren sich weiter. Das gilt für die Altstadt, Bergheim und das Neuenheimer Feld, jetzt auch für die Bahnstadt und die Konversionsflächen. Damit stellen sich je spezielle Herausforderungen an deren weitere Entwicklung. Denn Profilschärfung, Arrondierung und Komplementarisierung der Standorte untereinander sehen in der Altstadt völlig anders aus als etwa im Neuenheimer Feld. Gemeinsam sind sie einzubinden in die ganzheitliche Aufgabe einer gestaltrichtigen Profilierung der Gesamtstadt als Knowledge Pearl mit Lüsterqualität; nicht zuletzt, um in den global sich verschärfenden Konkurrenzkämpfen von Knowledge Cities weiter gut aufgestellt zu sein.

Über den Arkan-Bereich des wissenschaftlichen Wissens hinaus muss dazu das IBA-Motto »Wissen | schafft | Stadt« durch ein sehr viel weiter gefasstes Knowledge Pearl-Konzept zu einem inklusiven sozialen und vorbildlichen Stadtentwicklungsparadigma weiterentwickelt werden. Das schließt die Integration weiterer Wissens-, Kompetenz- und Lernformen ein. Gegen die manifesten Disparitäten-Gefahren in der Wissensgesellschaft und ihren Städten hat Heidelberg die große Chance, vorbildlich das inklusive Modell einer sozialen Knowledge Pearl weiterzuentwickeln. Lokale Kompetenzformen und eine differenzierte Kreativszene sowie die schnell sich vervielfältigenden Kernkompetenzen einer zunehmend heterogener zusammengesetzten Bürgerschaft – man denke an die Migrationsfolgen – können sich dabei fruchtbar aneinander reiben. Zusammen mit den exzellenten Forschungskulturen lassen sie sich bündeln zu dem zukunftsfähigen Programm einer wissensdurstigen sozialen Knowledge Pearl. Zu deren Grundmaximen gehören Toleranz und Neugierde. Die IBA wird damit zugleich zu einem Testgelände mit offenen Rändern in die Metropolregion Rhein-Neckar hinein.

Generationenspezifische Urbanitätsbedürfnisse

Um das zumindest schlaglichtartig anzustrahlen: Golo Mann, Jahrgang 1909, zur Frage, was Heidelberg für seine Generationenlagerung so attraktiv machte: »Die Stadt bietet alles, was ein Student meines Schlages von einer Stadt erwarten kann:  Universität, Bibliothek, häufige und berühmte Gäste, gute Buchhandlungen, gesellige Zirkel.«3

Hart dagegengesetzt, achtzig Jahre später: Ein weltberühmter frisch berufener Heidelberger Lebenswissenschaftler wünscht sich als ideale Campus-Architektur hier im schönen Neckartal einen dreihundert Meter hohen Forschungstower, alle fünf Stockwerke mit fähiger Kantine beziehungsweise Café. Hier vor den rund um die Uhr blubbernden Kaffeeautomaten würden nach dem Serendipity-Prinzip, also eher zufällig, Cracks von den jeweiligen Cutting-Edge-Fronten der disziplinären Forschung aus ganz unterschiedlichen Wissensdomänen aufeinanderstoßen. Und dann würden sie sich Face-to-Faceund über dem gemeinsamen Kaffee einfallsreiche Zugangswege zu Problemlösungen, andere Wissens- und Kompetenzkonstellationen, differenziertere, überraschendere Forschungskooperationen auch schon mal quer zur Furche einfallen lassen. Das alles zweihundertfünfzig Meter über dem Heidelberger Schloss. Über das städtebauliche Menetekel kein Wort, kein Gedanke. Resümee dieser beiden Geschichten zu Ansprüchen an die Stadt bei unterschiedlichen Generationen: One Size Fits All, eine Urbanitätsofferte für alle also war vielleicht gestern, heute jedenfalls gar nicht.

Das längerfristige stadtkulturelle Commitment in eine wissensbasierte Zukunft hinein

Die stadtpolitische Entscheidung für eine soziale und urbane Wissensstadt kann keine Eintagsfliege sein. Auch die Rhythmik der kommunalen Wahltage greift hier viel zu kurz. Das folgt schon aus den längerfristigen Zeitlogiken einer exzellenten Wissenschaft.4 Die Knowledge Pearl-Agenda setzt ein langfristiges Commitment der Stadtgesellschaft und ihrer bürgerschaftlichen Akteure , Interessenvertreter und Institutionen voraus. Zwar macht die rasante Veränderungsdynamik in der posttraditionalen Wissensgesellschaft längerfristige Prognosen und Masterplanungen nicht selten illusorisch. Allerdings ist in der sozialen und urbanen Wissensstadt Heidelberg nicht zu sehen, welche alternativen Leitbilder es geben könnte, die zukunftsfähig und chancenreich sind. Fällt Heidelberg zurück auf ein global gehyptes Tourismus-Großdorf, wäre es verloren. Insofern muss die Stadt sich auf ihre alles andere überragende Stärke besinnen, die hier in den letzten Jahrhunderten kontinuierlich und fruchtbar kultiviert wurde: Wissen, Forschen, Lernen – und das alles nicht als L‘art pour l’art oder als privater Bildungsgang, sondern als Capacity to Act, also als Fähigkeit, gemeinsam zu handeln.

Eine zielführende Entwicklungspolitik gerade in Wissenschafts- und Wissensstädten muss insofern notwendigerweise längerfristig angelegt sein. Kurzfristigere Nutzungsinteressen potenter Developer für Schlüssel-Areale – im Umkreis der Konversionsflächen-Entwicklungen mangelt es nicht an Interessenten – müssen also zu Gunsten der strategischen Stadtentwicklungsperspektive Social Knowledge Pearl entschlossen abgewehrt werden. Egal, wie pressierend oder lockend andere Interessenverbünde auftreten.

Weitere Herausforderungen liegen auf der Hand. Ich belasse es bei vieren:

Zugleich macht Michael Braum mit Recht darauf aufmerksam, dass die Heidelberger Stadt-IBA die erste Nachkriegs-IBA ist, die keine defizitorientierte Stadtreparatur betreibt, sondern zukünftige Szenarien entwickelt und diese auch kritisch gegenprüft. Das verdeutlicht auf andere Weise noch einmal die exemplarische Relevanz der Heidelberger IBA für stadtgesellschaftliche Entwicklungen weit über Heidelberg hinaus. Hier werden – früher als anderswo und ein Stück weit entlastet von den Engpässen krisenhaft sich entwickelnder Stadtgesellschaften – beispielgebende Lösungen für die künftige Stadt- und Stadtteilentwicklung erprobt. Insofern dient die IBA Heidelberg auch für andere Wissensstädte als »Reallabor« – wenngleich in der Stadtentwicklung natürlich keine Rede von einer kompletten Kontrolle der Kontextbedingungen dieses Laborversuches sein kann. Das macht die Sache aber nur noch spannender.

Von der Kraft, die in dem Perspektiv-Konzept urbaner Wissensperlen steckt

Die ersten zwei Jahre der Heidelberger IBA »Wissen | schafft | Stadt« haben gezeigt, welche Kraft und Zukunftsrelevanz in diesem Thema steckt. Ähnlich einem Reagenzglas laufen hier – schon heute und beschleunigt – Prozesse ab, die in anderen europäischen Städten sich erst zu entfalten beginnen. Die Kraft des Themas einer urbanen und sozialen Knowledge Pearl, ihre Zukunftsrelevanz und Beispielhaftigkeit gehen dabei Hand in Hand. Wissensbasierte urbane Transformationsdynamik ist in dieser Stadt beinahe mit Händen zu greifen. Darin zeigen sich Beobachtungs- und Erkenntnis-Vorteile kleiner Großstädte gegenüber globalen Wissensmetropolen. Das kommt einer strategisch aufgestellten, längerfristig denkenden Stadtpolitik zugute.

Auch die IBA selbst bleibt durch eine ganze Reihe von harten Nüssen gefordert. Man kann sogar davon sprechen, dass sie dadurch kreativ beatmet wird. Konflikte zwischen unterschiedlichen Institutionen, Interessen und Personen gehören gerade in Wissensstädten mit ihren symbiotischen Parallelwelten von Universität, Stadt und Stadtbürgerschaft beinahe selbstverständlich zum urbanen Spiel dazu. Vor allem, wenn Städte sich entschließen, wachsende Disparitäten nicht einfach laufen zu lassen, sondern soziale und inklusive Gegenstrategien zu entwickeln. Eine große Herausforderung bleibt dabei, wie und auf welchen Wegen die Dominanz wissenschaftlichen Wissens und wissenschaftlicher Expertise – inklusive der bekannten Springprozession von Expertise und Gegenexpertise – erweitert und mit mehr Bodenhaftung versehen werden kann: etwa durch die Inklusion weiterer urbaner Kenntnis und Kompetenzformen. Die internationale Third Culture-Bewegung, die Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaften mit dem Wissen der Kreativen zusammenbringt, kann hier weitere Anregungen bieten. Und nicht zuletzt: Auch das Wissen der Migranten mit seinen erstaunlichen Absorptionsfähigkeiten, Syntheseleistungen und Übersetzungskapazitäten muss auf neue Weise in die Agenda einer wissensbasierten Stadtentwicklung integriert werden.

Integration über Wissen und entsprechende Wissenstransfere kann hier also die Losung sein und zur Lösung neuer Inklusionsprobleme beitragen. Wie sich das in konkrete IBA-Projekte umsetzen und zur Profilierung dieser urbanen Knowledge Pearl weiter konkretisieren lässt, wird eine der spannenden Aufgaben der zweiten Etappe des IBA-Prozesses sein. Flankiert wird das schon jetzt durch sachhaltige Anregungen aus der Bürgergesellschaft, wie sich die Wissenschaften selber noch deutlicher ihren Standorten zuneigen könnten. So lassen sich die ansonsten drohenden Disparitäten-Gefahren ein er reinen Science City-Agenda aufheben in einer inklusiven, neugierigen, wissenshungrigen und schönen Knowledge Pearl.