Die Politur der »Wissensperlen«

Was sie rundum glänzen lässt

Prof. Dr. Willem van Winden
Wirtschaftswissenschaftler, Amsterdam University of Applied Science

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Knowledge Pearls sind von großen, alten Großstädten mit Universitäten zu unterscheiden. Angesichts globaler Wissenschaftsentwicklung, die immer mehr an die Interessen der Wirtschaft gekoppelt ist, müssen sich »Knowledge Pearls« wie Leiden und Delft, Oxford und Cambridge und eben Heidelberg schnell und klug geplant weiterentwickeln. Dabei darf nicht vernachlässigt werden, dass keine Gesellschaft nur aus Studenten und Expats besteht.

Wissen als Grundlage einer wirtschaftlichen Überlebensperspektive

In unserer vom Wissen bestimmten Gesellschaft hängt der Wohlstand mehr von Kenntnissen und Innovationen als von natürlichen Ressourcen oder einem günstigen geografischen Standpunkt ab. Wissensgestützte Gesellschaften organisieren, erneuern und rekombinieren effektvoll die Ressourcen des Wissens. Netzwerke von Firmen, Forschungsinstituten und Unternehmern setzen vorhandenes und neues Wissen in innovative Produkte, Dienstleistungen oder Konzepte um, die sie auf dem Markt verkaufen. Die schnelle technologische Entwicklung veranlasst Unternehmen dazu, sehr viel in Wissen und Lernen zu investieren. Die wirtschaftliche Dynamik wird darüber hinaus von Start-up-Firmen der IT-Branche angetrieben, die praktisch alle Wirtschaftsbereiche mit durchschlagender Wirkung auf die etablierten Unternehmen und die Arbeitsmärkte aufmischen. Die Industrie stellt immer noch klassische »Produkte« her, aber ihr Wert liegt auch in Technologie, Design, symbolischen Bedeutungen und zusätzlichen Dienstleistungen, die wiederum intelligentes organisatorisches, logistisches und finanzielles Know-how voraussetzen. Wissensgestützte Produktion beruht auf der Kompetenz bestens ausgebildeter Personen aus verschiedenen Branchen und Disziplinen, die in lokalen und globalen Netzwerken von zusammenarbeitenden Institutionen mit jeweils unterschiedlicher Spezialisierung organisiert sind.

Universitäten spielen eine entscheidende Rolle in der Wissenschaftsgesellschaft. Sie sind »Erzeuger« neuer Kenntnisse und bereiten einen immer größeren Anteil der jungen Generation auf eine wissensintensive Karriere vor, in deren Verlauf das Lernen niemals aufhört. Maschinen, Roboter und Algorithmen ersetzen zunehmend alle Bereiche der Routinearbeit. Mit guten Gründen dürfen wir annehmen, dass sich – sofern die Regierungen nicht eingreifen – die wirtschaftliche und gesellschaftliche Kluft weltweit vergrößern wird, wenn die Gehälter für hochqualifizierte Personen steigen, während die Arbeit der weniger gut ausgebildeten Mitarbeiter an Wert verliert.

Die Wissensgesellschaft lebt urban

Die Wissensgesellschaft ist räumlich nicht unabhängig. Ihre Standorte sind ausgesprochen urban und geprägt von einem Prozess selektiver Reurbanisierung, im Verlauf dessen einige Städte – wie wir an anderer Stelle diskutieren werden – ein beachtliches dynamisches Wachstum erleben, während andere noch darum kämpfen – meist diejenigen, die traditionell von der Massenproduktion geprägt sind, aber im Wissenssektor schwächeln.

Städte wetteifern miteinander um Wissensressourcen, zum Beispiel um Investitionen für Forschung und Entwicklung, um Hochtechnologiefirmen und um hochqualifizierte Personen. Wichtige Faktoren für die Anziehungskraft von Städten sind anspruchsvolle Arbeitsplätze in Firmen und wissenschaftlichen Instituten, ein gemischtes städtisches Umfeld, eine gute Infrastruktur und internationale Verbindungen.

Matthäus 25, 29: Win Win und Spillover

Eine bedeutende Rolle spielt hierbei auch der »Matthäus-Effekt«: Erfolge rufen weitere Erfolge hervor, weil es dort große Wirtschaftsunternehmen und Wissens-Spillover gibt. Erfolgreiche, wissensbestimmte Städte mit hochqualifizierten Bewohnern, Elite-Universitäten und wissensintensiven Unternehmen ziehen weitere derartige Ressourcen an und werden dadurch noch attraktiver. Qualifizierte Personen sind produktiver in einem Umfeld, in dem es viele von ihnen gibt und wo sie interagieren und voneinander lernen können. Außerdem entwickeln Städte mit gut ausgebildeter Bevölkerung im Allgemeinen bessere Infrastruktureinrichtungen, die diesen Gruppen zusagen. Ebenso funktionieren auch Forschungs- und Entwicklungsinstitute besser in einem lokalen Ökosystem, das reich und vielfältig ist.

Auch für das akademische Umfeld gilt der Matthäus-Effekt. Elite-Universitäten ziehen die besten Kräfte aus aller Welt an und profitieren erheblich von der starken, relativ jungen Internationalisierung der gesamten Hochschulbildung. Auch erhalten sie mehr externe Forschungsgelder (Drittmittel), weil »Exzellenz« überall von der Wissenschaftsförderung mehr und mehr belohnt wird. Forschungs- und entwicklungsintensive Unternehmen ziehen es vor, enger mit Elite-Universitäten zusammenzuarbeiten. Als Folge davon vergrößert sich die Kluft zwischen den Besten und dem »Rest«. Elite-Universitäten sind immer mehr zu Wirtschaftsmotoren ihres urbanen Umfelds geworden

und haben eine wachsende Anzahl erfolgreicher, technischer Start-ups in den Bereichen IT, Biotechnologie, neue Materialien und mehr hervorgebracht sowie Hightech-Firmen angezogen, die ihren Standort in die Nähe dieser Institute verlegen, um die reichen Wissensquellen für sich zu erschließen und die besten Absolventen herauszupicken.

The Winners are ...

In unserem urbanen System erzeugt der doppelte Matthäus-Effekt – in der Stadt und im akademischen Bereich – zwei Typen von Gewinnern. Erstere sind die großen und vielschichtigen Metropolen. Hauptstädte wie London, Berlin oder Amsterdam und Großstädte wie München, Hamburg, Mailand und Barcelona sind zu Magneten für internationale Begabungen und Investoren geworden, weil sie alles bieten: gute Erreichbarkeit, Attraktivität, ein hohes Wissensniveau, eine Anhäufung von Talenten, das erregende Gefühl, groß, sexy, international und auf dem neuesten Stand wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Innovationen zu sein. Diese Städte stehen vor der Herausforderung, wie sie mit dem Wachstum umgehen sollen: wie die wachsenden Städte lebendig und nachhaltig bleiben, Verkehrsstaus verhindert, Wachstum durch höhere Dichte beherrscht und veraltete städtische Funktionen und Bezirke verändert werden können.

Für den zweiten Typ von Gewinnern habe ich den Begriff »Perlen des Wissens«, von Knowledge Pearls geprägt. Dies sind kleinere, in der Nähe einer größeren Metropole gelegene Städte mit einer Universität von Weltklasse, die das Zentrum eines starken lokalen Ökosystems des Wissens darstellt. Den »Perlen des Wissens« mangelt es an Größe und Umtriebigkeit der Großstadt, aber dank der Nähe und guter Verbindungen profitieren sie in beachtlichem Maße von den Vorzügen der benachbarten Großstadt (Vergnügungseinrichtungen, Institutionen, ein internationaler Flughafen, ein großer Arbeitsmarkt), ohne an den typischen Problemen der Großstadt (Verkehrsstaus, Luftverschmutzung, Kriminalität) zu leiden. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich von den »provinziellen« Universitätsstädten, denen ein derartiges urbanes Umfeld abgeht.

Beispiele für Knowledge Pearls sind Leuven (bei Brüssel), Leiden, Delft (beide in zentraler Lage in der holländischen Region Randstad), Oxford und Cambridge (nahe London) und natürlich auch Heidelberg. Alle haben sie renommierte Universitäten, welche die Geschichte der Städte, ihre Identität und ihr Image prägen. Diese Orte haben, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, der Arbeitslosenzahl und dem Zuzug von Hochqualifizierten, eine überdurchschnittliche wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen. In vielen Knowledge Pearls sind die Grundstückspreise auf Höhen geklettert, die denen der erfolgreichen Wissensmetropolen gleichen.

Risiken einseitigen Erfolgs: Segregationen

Knowledge Pearls sind zwar wirtschaftlich erfolgreich, aber sie stehen auch vor großen Herausforderungen. Erstens besteht die Gefahr, dass sie in Parallelgesellschaften auseinanderfallen und dadurch das städtische Leben – ein beliebter Vorzug solcher Orte – schwächen. In vielen Knowledge Pearls nimmt die schnell wachsende Gemeinde der hochqualifizierten ausländischen Studenten und Expats kaum am alltäglichen sozialen, kulturellen und politischen Leben der gastgebenden Gesellschaft teil. Dies zeigt sich daran, dass ausländische Studenten sich nicht den traditionellen studentischen Verbindungen anschließen, dass sie in extra dafür vorgesehenen Studentenheimen wohnen oder dass Kinder von Expats internationale Schulen besuchen. Eine weitere Kluft entsteht zwischen den akademischen Gemeinschaften und den eher lokal orientierten übrigen Teilen der städtischen Gesellschaft, zu denen auch eine wachsende Zahl schlecht ausgebildeter Migranten gehören. Diese Gruppe kann sich vom starken städtischen Image und den Investitionsstrategien abspalten, die eine für Knowledge Pearls so typische »Wissensstadt« oder »Wissenschaftsstadt« anstreben. Um einer in gegensätzlichen Richtungen verlaufenden Segregation entgegenzuwirken, muss für kreative städtische Schnittstellen oder Kreuzungspunkte gesorgt werden, an denen die unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen. Es müssen offene Plattformen zur Verfügung stehen, auf denen die divergierenden Haltungen und die Identität der Stadt gemeinschaftlich diskutiert und verhandelt werden können. Die international orientierte Universität wiederum kann ihre lokale Bedeutung und ihr Umfeld vergrößern, indem sie sich den Bürgern öffnet und für sie engagiert, indem sie ihre Lehr- und Forschungsprogramme mit örtlichen Angelegenheiten verbindet. Wenn man die Stadt als experimentelles, lebendiges Laboratorium, als Lieferant von Forschungsprojekten, als Studienobjekt für Studenten betrachtet, sind neue institutionelle Einrichtungen mit örtlichen Vertretern gefragt.

Eine weitere Aufgabe stellt sich Knowledge Pearls darin, dass die Verbindung von Stadt und Campus neu durchdacht und umgeplant werden muss. Die zunehmende Ökonomisierung akademischen Wissens erzeugt intensivere Verbindungen zwischen Universität und Wirtschaft und führt zu neuen räumlichen Konfigurationen. Der Universitätscampus ist schon lange kein Elfenbeinturm mehr für Wissenschaftler – sofern er es überhaupt jemals war. Er hat sich zum Gründerzentrum von Start-ups und von Wissenschaftsparks für technische Unternehmen erweitert. Einige Universitäten entwickeln Strategien, um Hightech-Firmen auf ihren Campus zu locken und versuchen, deren geschäftliche Interessen mit denen der Forschungsgruppen und der akademischen Lehre zu vereinbaren. Zum Beispiel ist es der RWTH Aachen gelungen, über hundert Hightech-Firmen für ihren neuen Campus zu gewinnen, und sie bietet ihnen eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit für Gastvorlesungen, für die Mitarbeit an gemeinsamen Forschungsprojekten und die Nutzung der Forschungseinrichtungen. Viele Universitätsgelände sind weniger monofunktional und urbaner geworden, indem man sie durch Einrichtungen wie Studenten- und Expatwohnungen, Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants und Hotels erweiterte. Gleichzeitig steht der Campus in einem neuen Wettbewerb mit organisch gewachsenen und lebendigen Stadtbezirken – typischerweise umbenannt in »Innovationsbezirk« oder »Wissensquartier« –, die zunehmend für wissensbestimmte ökonomische Aktivitäten interessant werden. Überall haben Stadtpolitiker Wissens- und Innovationsaktivitäten als Katalysatoren für die Stadterneuerung entdeckt.

Politur

Perlen bedürfen einer ganz besonderen Reinigung, um ihren Glanz zu behalten, und das Gleiche gilt für Knowledge Pearls, die Perlen des Wissens. Ihre Entwicklung hängt stark von ihrem Kontext ab, aber in allen Fällen profitieren sie von einer engeren Bindung zwischen Universität und Stadt. Die üblichen jährlichen Treffen von Bürgermeister und Dekan sind nicht ausreichend. Town and Gown haben eine Menge gemeinsamer Interessen, aber es gibt auch Bereiche, in denen Konflikte lauern. Sie müssen Visionen und eine Verhandlungsbasis aufbauen, wo sie auf allen Ebenen ihre Abhängigkeiten diskutieren und eine gemeinsame Grundlage erkennen, aber auch mögliche Differenzen und Konkurrenzsituationen ausmachen können.