Dynamik der Veränderungen

Die Halbzeit-Ausstellung der IBA

Reinhard Hübsch
Berlin

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Die Zwischenpräsentation zur Halbzeit der IBA Heidelberg bot dem IBA-Team die Gelegenheit, innezuhalten und das Erreichte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Einerseits zeigt sich im Blick von außen auf die Schau das Besondere und Ungewöhnliche dieser IBA. Andererseits lassen sich neue Fragen erkennen, die Aufgaben für die zweite Halbzeit der IBA stellen.

»Wir müssen uns«, so Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner, »Gedanken machen über die zukünftige Entwicklung unserer Stadt in Zeiten einer Wissensgesellschaft.[…] Bei der Entwicklung dieser Zukunftsvision nimmt die Internationale Bauausstellung (IBA) eine Schlüsselposition ein.«1 Und IBA-Direktor Michael Braum notierte eine Seite später: »Das Experiment IBA kann nur gelingen, wenn sie – die IBA – von Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung, der Wirtschaft und der Universität nach Kräften unterstützt wird.«2 Braum markierte vier Handlungsfelder, die es zu bearbeiten gilt: Wissenschaften, Bildung, Vernetzungen und urbane Stoffkreisläufe,3 wobei ihm klar ist, dass die Änderungen in der digitalisierten Welt sich »mit einer Dynamik« vollziehen, »die sich viele Menschen noch nicht vorstellen können.«4

Zwischenstand

An diesen, von der politischen Stadtspitze wie von der IBA-Leitung formulierten Prämissen muss sich die Ausstellung messen lassen, die im Sommer 2018 den Zwischenstand der Planungen zur IBA zeigte. Anders gefragt: Wurde die zukünftige Entwicklung der Stadt Heidelberg ins Auge genommen? Demonstrierte die Ausstellung die tatkräftige Unterstützung von Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung, von Wirtschaft und Universität? Und schließlich: Wurden die vier genannten Handlungsfelder thematisiert, und sind für sie realistische Zukunftsbilder entworfen worden?

Fünf Jahre hatte das Team um Michael Braum Zeit, Vergangenheit und Gegenwart der weltberühmten Universitätsstadt zu analysieren, sie zu vergleichen mit anderen Hochschulstandorten wie Cambridge, Palo Alto und Stanford, Lund und Leuwen. Die Ergebnisse dieser Recherchen zeigten sich eindrucksvoll in der Ausstellung, wo Stadt- und Universitätsflächen, Studiengebühren und Immobilienpreise miteinander verglichen wurden.

Problembewusstsein

Damit formulierte die Präsentation scheinbar beiläufig, aber doch plausibel den Anspruch dieser IBA, den Prototypstatus der Wissenschaftsstadt vordenken zu wollen – ein Ansatz, der angesichts der Entwicklung, die sich derzeit in den Industrieländern vollzieht, auch notwendig ist: Produktion wird entweder ausgelagert in weniger kostenintensive Regionen der Welt oder aber in digitalen Prozessen automatisiert.

Die Zukunft der hochentwickelten Regionen der Welt (und eben ihrer Städte) liegt mithin in der Produktion beziehungsweise Akkumulation von Wissen. Die Produktionsstätten dieses Wissens sind die Forschungslabore von Unternehmen und Hochschulen, und das demonstrierte die Ausstellung an zahlreichen Beispielen, nicht zuletzt auch an Exponaten aus der Universität Heidelberg. Ohne hier ins Detail gehen zu wollen, lässt sich doch bilanzieren, dass das IBA-Team mit viel Fantasie gearbeitet hat, um dem Publikum – also der Stadtgesellschaft – Problembewusstsein zu vermitteln.

Schwierige Orte

Man kann übrigens kontrovers über den geschichtsträchtigen Ausstellungsort debattieren, was in Heidelberg bedauerlicherweise unterblieb: Das Entree mit einem Stadtmodell, auf dem die zentralen IBA-Projekte übersichtlich verortet waren, wurde erhellt, ja dominiert von einem militaristischen, völkischen Fensterbild aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Frage, ob ein ehemaliges Kasernenareal, zumal aus der NS-Zeit, ein geeignetes Lokal für eine Präsentation der IBA ist, provoziert divergierende Antworten. Kurator Carl Zillich räumte denn auch ein, dass dies »kein einfacher Ort« war und ist. Wie jüdische Bürger der Stadt, wie internationale Gäste diesen schwierigen Ort empfunden haben mögen, darauf gibt es allerdings wohl nur eine naheliegende Antwort.

In den Räumen, welche die US-Armee nach dem Zweiten Weltkrieg als Europäisches Hauptquartier genutzt hatte, wurden siebzehn IBA-Projekte und -Kandidaten vorgestellt: vom »Collegium Academicum« – ein selbstverwaltetes Studentenwohnheim mit originellen Wohnkonzepten für den wissensgesellschaftlichen Nachwuchs – über die »Werkstattschule« – für die nicht-akademische Jugend – bis zum Konferenzzentrum, wo die Vor- und Nachdenker der Zukunft sich austauschen werden; vom Erweiterungsbau des Museums Prinzhorn, wo außergwöhnliche Spuren der Wissensgesellschaft von gestern gesammelt, erforscht und präsentiert werden, über das »International Welcome Center«, wo die multikulturelle Wissensgesellschaft zueinander finden soll, bis zum Landschaftspark als Ort der Muße und Freizeit, den auch die Wissensstadt der Zukunft benötigt.

Nicht jedem Besucher mag sich die Dramaturgie der Ausstellung erschlossen haben, mancher kann den Parcours als überaus kompakt empfunden haben, und sicherlich wurde manchem Laien einiges abverlangt, um die Zeichnungen und Modelle auf Anhieb zu verstehen. Da werden die Führungen sicherlich einige Dolmetscher-Arbeit geleistet haben müssen.

Die Projektschau

Gleichwohl, Fantasie und Kreativität wird man dem IBA-Team und den Ausstellungsmachern Stiftung Freizeit sicherlich nicht absprechen können. Und doch ist vermutlich einem arg begrenzten Ausstellungsetat die Tatsache geschuldet, dass die durch Computerdarstellungen, aufwändige Kino-Spektakel, gigantische Festival- und Theaterinszenierungen verwöhnten Augen und Ohren mancher Besucher hier wohl etwas Raffinesse vermisst haben. Die digitalisierten Bildwelten der Gegenwart schaffen mittlerweile Anspruchshaltungen, die in der von Pressspan-Kojen dominierten Ausstellung manche Wünsche offen ließ.

Beeindruckend dagegen war die Präsentation des Herzstücks dieser IBA, nämlich die Planungen für das Patrick-Henry-Village (PHV), wo die Wissensstadt von morgen entstehen soll. Bestands- und Neubauten sowie die Wegeführung auf dem rund 20 Hektar großen Areal abseits der Kernstadt zeichneten sich klar ab. Dieses rund 30 Quadratmeter große Modell war, so ist zu vermuten, die Attraktion der IBA-Zwischenpräsentation. Hier, in der städtebaulichen Exklave PHV wird artikuliert, wie Wissen Stadt schafft, wie die Zukunft der Stadt aussehen kann.

Laborarbeit

Das kleine Team um Direktor Michael Braum hat mit dieser Ausstellung Beachtliches geschafft, und wer dieses oder jenes – von dem noch die Rede sein muss – vermisst, sollte sich vor Augen führen, in wie vielen Kolloquien und Konferenzen alle Aspekte des urbanistischen Futurs gesammelt, diskutiert und erforscht, wie viele Experten aus Architektur und Stadtplanung hinzugezogen, wie viele Papiere, Dossiers, Dokumentationen und Bücher verfasst wurden, um fast alle Aspekte der Stadtentwicklung zu berücksichtigen. Das IBA-Team wurde so tatsächlich zu einem Laboratorium, in dem alles auf den Prüfstand gestellt und zahllose Szenarien durchgespielt wurden.

Eine solche Ausstellung kann all das nicht repräsentieren, sie kann bestenfalls einen Extrakt der zurückliegenden Forschungsarbeit servieren. Aber löst diese Zwischenbilanz die eingangs von IBA-Direktor Braum und Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner formulierten Ansprüche ein?

Michael Braum, der zu Recht darauf hingewiesen hat, dass die Wandlungsprozesse sich mit einer ungeheuren Dynamik vollziehen, beschrieb damit auch ein Dilemma, mit dem Architekten und Stadtplaner sich konfrontiert sehen: Wohin nämlich diese Dynamik treibt, lässt sich derzeit nur in Umrissen erahnen. Aber schon diese schemenhaften Bilder machen deutlich, wie gravierend der Wandel sein wird.

In den Laboren der Automobilindustrie wird konkret an selbstfahrenden Kraftfahrzeugen gearbeitet. Die »neue Mobilität« wird nicht nur den Individualverkehr der Zukunft vollkommen umkrempeln, sondern auch den innerstädtischen Güterverkehr. Die Stadt der Zukunft wird mittelfristig mit einem rückläufigen Anteil von privaten Fahrzeugen rechnen müssen, das zeigen auch die Prognosender Verkehrsplaner;5 nicht zuletzt ökologische Entwicklungen mit ihrer enormen Lärm-, Abgas- und Feinstaubbelastung des Straßenverkehrs zwingen die Kommunen zu neuen Konzepten. In der IBA-Zwischenpräsentation findet sich allerdings keine Aussage darüber, wie die Stadt Heidelberg der Zukunft mit dieser Problematik umgehen soll beziehungsweise wird.

Über den Tellerrand

Verkehrsbeziehungen zwischen Stadt und Umland werden ebenfalls an Bedeutung zunehmen: Nicht alle, die in der Stadt arbeiten, können dort leben. Die Pendlerströme steigen in Metropolregionen rasant an. »Insgesamt hat sich die Zahl der Berufspendler in den letzten 20 Jahren (...) um fast 70 Prozent erhöht«6, wurde etwa für Berlin und Brandenburg bilanziert. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich auch für den Großraum Heidelberg ab, woraus nicht nur neue Aufgaben für den öffentlichen Nahverkehr, also Busse und Straßenbahnen, und den Regionalverkehr (zu dem sich in der Zwischenbilanz auch keine Aussagen finden) resultieren. Auch Stadtplaner und Politiker müssen weit über die Stadtgrenzen hinaus denken.

Zwischen dem Heidelberger und dem Mannheimer Bahnhof liegen weniger als 20 Kilometer, beide Städte sind Hochschulstandorte, beide Städte sind mit großen militärischen Konversionsflächen beschäftigt, zwischen beiden Städten gibt es – bei allen Unterschieden – auch zahlreiche Gemeinsamkeiten, beide verbinden ähnliche Problemlagen. Die wirtschaftlichen und die Verkehrsbeziehungen hätten es sinnvoll gemacht, in der IBA Heidelberg die benachbarte Stadt und Region Mannheim mit zu berücksichtigen. Dem IBA-Team war das bewusst, und so wurden vier Gastprojekte, die aus Mannheim eingereicht wurden (etwa die Multihalle von Frei Otto) auch kooptiert. Doch wer die Heidelberger Stadtgesellschaft kennt, der weiß, dass für sie damit die Grenzen der Belastbarkeit erreicht waren. Die IBA zu einem Regionalprojekt zu machen, das war nicht gewünscht – weder die Einbeziehung von Mannheim noch die des benachbarten Ludwigshafen, wo mit der BASF ein globaler Akteur der zukünftigen Wissensgesellschaft ansässig ist. Dass die Stadtplanung der Zukunft an den eigenen Grenzen nicht Halt machen kann, zeigen zahlreiche IBA-Unternehmen wie die IBA Basel – die sinnvollerweise das Dreiländereck einbezieht – und auch die IBA 2027, die ihren übergreifenden Ansatz bereits im Titel »StadtRegion Stuttgart« deutlich macht.

Vernetzungen und urbane Stoffkreisläufe, die es – so IBA-Direktor Michael Braum – zu bearbeiten gilt, kamen also in der Zwischenpräsentation zu kurz. Die Gründe dafür mögen komplex sein, und sie angemessen zu erörtern, das sprengt den Rahmen dieser Betrachtung. Einer der Gründe mag darin liegen, dass die finanzielle Ausstattung dieser IBA es den Verantwortlichen nicht ermöglichte, weiter reichende Schritte zu gehen. Wer sich die Finanzvolumen vorangegangener wie auch zukünftiger internationaler Bauausstellungen ansieht und mit Heidelberg vergleicht, wird diesen wichtigen Grund erkennen.

Und schließlich: »Das Experiment IBA kann nur gelingen, wenn sie – die IBA – von Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung, der Wirtschaft und der Universität nach Kräften unterstützt wird« – so Heidelbergs Oberbürgermeister. Konservative Teile der Stadtgesellschaft blicken, immer noch, mit einiger Skepsis auf diesen notwendigen Modernisierunsprozess rund um das Schloss. Verwaltung und Universität haben sich dem IBA-Prozess nur widerwillig angeschlossen; die politische Führung, vornehmlich der erst 2017 ins Amt gekommene Baubürgermeister Osdzuck, fördert ihn dagegen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Doch ein wichtiger Akteur hält sich, auch das ist in der Zwischenpräsentation zu beobachten, bemerkenswert zurück: das Land Baden-Württemberg. Während die IBAs der vergangenen Jahrzehnte – von der IBA-Alt und IBA-Neu in Berlin über die IBA Emscher Park in Nordrhein-Westfalen bis zu der in Sachsen-Anhalt – von den jeweiligen Landesregierungen finanziell und organisatorisch gefördert wurden, sieht die Stuttgarter Landesregierung keine Notwendigkeit, sich beim Vorzeigeprojekt im High-Tech-Ländle zu engagieren. Alles das und eben auch dieses Manko war in der Zwischenpräsentation deutlich zu beobachten.

Hier muss man differenzieren. Die Stadt wollte die IBA und ünterstützt und finanziert diese auch von Anfang an. Sie tat sich zu Beginn des Prozesses zugegebenermaßen schwer damit, dem Anspruch einer Next Practice zu genügen. Die Universität hingegen, die ebenfalls von Beginn an in den Prozess eingebunden war, ist offensichtlich derart mit sich und den Exzellenzinitiativen beschäftigt, dass sie sich schwer tut, die IBA-Aktivitäten gebührend zu unterstützen. Mit dem Campus Bergheim wurde seitens der Universität in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit ein erster Schritt gemacht, der für sich genommen jedoch nicht ausreicht, um das Thema Wissen | schafft | Stadt im IBA-Modus zu bespielen.