Vorbilder künftiger Politiken

Die IBA, die Wissensgesellschaft und die Stadt Heidelberg

Prof. Dr. Walter Siebel
Stadtsoziologe, Universität Oldenburg

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Mit einer IBA wird eine Qualifizierungsstrategie verfolgt. In einer »Ausnahmesituation auf Zeit« werden Themen aufgegriffen und Probleme gelöst, die unter Alltagsbedingungen nicht angegangen werden. Zum einen werden herausragende Projekte entwickelt, welche die Thematik der jeweiligen IBA konkretisieren. Zum anderen werden Prozesse organisiert, die internationale Expertise ebenso mobilisieren wie die endogenen Potenziale der Region. Projekte und Prozesse sollen künftige Politiken vorbildhaft leiten können.

IBA – Projekte, Prozesse, Paradoxien

Unter Bedingungen eines Ausnahmezustands sollen alltagstaugliche Lösungen entwickelt werden. Damit erweist sich die IBA als paradoxe Strategie: Im Fall Heidelberg tritt diese Paradoxie noch schärfer in Erscheinung. Anders als bei allen bisherigen IBAs sollen in Heidelberg städtebauliche und architektonische Antworten auf die Fragen zu kommenden Wissensgesellschaften gefunden werden.

Die IBA Heidelberg ist gegründet worden, um diese Probleme anzugehen. Und mit Ausnahme des dritten bietet die Stadt ausgezeichnete Voraussetzungen, um ihr großes und zukunftsträchtiges Thema – »Die Stadt der Wissensgesellschaft « – erfolgreich zu bearbeiten. Wie kaum eine andere deutsche Stadt verfügt Heidelberg – für seine Größe – über ein sehr differenziertes Kulturangebot, ein besonderes urbanes Flair, kurze Wege, Nähe zum Großflughafen Frankfurt, die Einbindung in die Region Rhein-Neckar, die älteste deutsche Universität sowie eine Vielzahl international agierender wissenschaftlicher Einrichtungen, insbesondere in den Lebenswissenschaften. Hinzu kommen international bedeutende Unternehmen. Zur Halbzeit gilt es, ihre Prämissen und Begrifflichkeiten zu klären.

Wissensgesellschaft

Die moderne Gesellschaft ist insoweit Wissensgesellschaft, wie ihre Strukturen, ihre Lebensweisen, ihre Potenziale und ihre Entwicklungspfade, aber auch ihre Probleme und Konflikte durch Wissen und Wissenschaften bestimmt sind. In der Wissensgesellschaft wird Wissen zum wichtigsten »Produkt« und zum wichtigsten Produktionsfaktor. Wissen wird neben und an Stelle natürlicher Ressourcen zur wesentlichen Quelle ökonomischer Prosperität. Allerdings ist die Wissensökonomie keine alternative Ökonomie, die unabhängig von der Industrie zu verstehen wäre. Im Gegenteil, komplementär zur Wissensökonomie und parallel zu ihr vollzieht sich eine Reindustrialisierung der Stadt – aus drei Gründen.

 

Wissenschaftsstadt

Drei Anmerkungen zu diesem Begriff, und alle drei sind nicht ohne Ambivalenzen für das Selbstverständnis Heidelbergs.

STADT ALS PARTNER DER WISSENSCHAFT

Die Wissenschaftsstadt impliziert die enge Kooperation zweier autonomer Systeme auf administrativer, planerischer und entwicklungspolitischer Ebene. Die Partnerschaft von Universität und Stadt wird oft und mit guten Gründen als Seelenverwandtschaft von Wissenschaft und Urbanität dargestellt. Doch der hohe Ton, in dem dieses schöne Lied gesungen wird, lässt leicht vergessen, dass es dabei um handfeste und keineswegs konfliktfreie Interessen geht. Die Stadt erwartet von der Universität hoch qualifizierte Arbeitsplätze, zivilisierte Bürger, gute Studienmöglichkeiten, Steuereinnahmen und eine Bereicherung des kulturellen Leben. Das bekommt Heidelberg auch in Hülle und Fülle. Aber all das gibt es nicht umsonst.

Wissenschaft ist im besonderen Maß nicht prognostizierbar. Forschungseinrichtungen müssen deshalb auch baulich in kürzester Zeit reagieren können. Wissenschaft benötigt für ihre sehr spezifischen Anforderungen möglichst große, flexibel nutzbare, gut erschlossene Flächenreserven ohne planerische Auflagen. Das kann in Widerspruch geraten zu den Prinzipien geordneter Stadtentwicklung. Wissenschaftler sind im besonderen Maß mobil. Wissenschaftliche Karrieren sind ohne mehrfache Ortswechsel kaum denkbar. Wer aber wie Studenten und Wissenschaftler sich nur vorübergehend in einer Stadt aufhält, wird wenig Interesse für diese entwickeln. Für ihn hat die Stadt Hotelfunktion, und welcher Hotelgast möchte während seines Aufenthalts mit den Problemen des Hotelmanagements belästigt werden?

Wissenschaftler führen ein in besonderem Maße berufszentriertes Leben. Dazu brauchen sie Entlastung von außerberuflichen Verpflichtungen. Das war früher und nur für den Mann durch die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gewährleistet. Heute leistet das die Stadt. Moderne Dienstleistungsstädte können als Maschinen beschrieben werden, die jeden, soweit er über genügend Geld und die nötigen Informationen verfügt, von allen außerberuflichen Arbeiten und Verpflichtungen entlasten.5Was Wissenschaftler von der Stadt verlangen, kann mit einem leicht abgewandelten Aphorismus von Karl Kraus auf den Punkt gebracht werden: »Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung, kreativ [statt: gemütlich] bin ich selber«.6

Die Entwicklung zur Wissenschaftsstadt birgt Gefahren für den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft. Die New York Times hat die Firmensitze der großen Akteure der Wissensgesellschaft beschrieben als in einer feindlichen Umgebung gelandete Raumschiffe.7Das Bild wäre für deutsche Universitäten völlig überzogen. Aber die Zukunft der Wissenschaftsstadt könnte – forciert durch die Globalisierung – in eine soziale, ökonomische, kulturelle und politische Spaltung der Stadtgesellschaft führen. Am oberen Pol eine akademische Welt, deren Angehörige sich international orientieren, die Stadt vornehmlich als Hotel und Dienstleistungsmaschine in Anspruch nehmen, ihre Kinder auf exklusive internationale Schulen schicken und im Übrigen in Ruhe arbeiten wollen. Am entgegengesetzten Pol die nicht minder internationalisierte Welt der Migranten und der Niedrig-Qualifizierten, die den Angehörigen der ersten Welt den Rücken frei halten für Forschung und Karriere oder gänzlich aus den ökonomischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen der Stadtgesellschaft ausgegrenzt sind. Und dazwischen die Mittelschicht der Stadt, die sich nach oben und unten mit wachsendem Ressentiment abgrenzt.

Wissen wird zu einer zentralen Triebkraft des gesellschaftlichen Wandels. Nicht zuletzt in Reaktion darauf erstarken antiwissenschaftliche Bewegungen. Die Wissenschaft ist im besonderen Maß globalisiert, ihre Normen sind andere als die der kommunalen Politik, und ihre Sprache ist Englisch. Der Fortschritt der Wissenschaft erzeugt Nicht-Wissen auf Seiten der Nicht-Wissenschaftler. Die Diskrepanz zwischen dem vorhandenen Wissen und dem Wissensstand der Bevölkerung wird immer größer. Aus all diesen Gründen finden die wissenschaftliche Öffentlichkeit und die lokale Öffentlichkeit im wörtlichen und im übertragenen Sinn immer schwerer eine gemeinsame Sprache.

STADT ALS OBJEKT DER WISSENSCHAFT

Planungswissenschaften, Soziologie und Sozialgeographie haben schon immer Stadt und städtisches Leben beobachtet und – wenn es gut ging – mit ihren Erkenntnissen geholfen, Stadt und städtisches Leben zum Besseren zu verändern. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche zusammen mit der Installation engmaschiger Überwachungssysteme bergen dagegen das Potenzial für sehr viel weitergehende und ambivalente Veränderungen: Die Stadt und das Leben ihrer Bewohner würden in all ihren Facetten zu einem Objekt dauernder und unentrinnbarer Beobachtung. Das bedeutet, dass zentrale Elemente der urbanen Lebensweise, der Schutz der Anonymität und die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit, aufgehoben würden, ohne dass die Betroffenen dies bemerken oder gar kontrollieren könnten. Chicago ist bereits auf diesem Weg, sich selbst als Forschungslabor zu organisieren, und zwar für Forscher und Unternehmen.8 Das städtische »Leben zum wissenschaftlichen Experimentierfeld« zu machen, ist ein hoch ambivalentes Vorhaben: für Sozialforscher wie für Unternehmen ein Traum, für die Bürger der Europäischen Stadt ein Albtraum Orwell’schen Ausmaßes.

STADT ALS RESSOURCE DER WISSENSCHAFT

Wissenschaftliche Fortschritte werden in erster Linie in der kreativen Interpretation von Daten erzielt. Dazu ist ein Wissen besonderer Qualität gefordert, ein Hintergrundwissen oder Tacit Knowledge, das unter anderem in innovativen Milieus geschaffen, bewahrt und weitergegeben wird.9Merkmale innovativer Milieus sind: Mischung, Vielfalt, eine prekäre Balance von Vertrautheit und Fremdheit, Nähe und Distanz, Konkurrenz und Kooperation, Verankerung in der Tradition und Offenheit gegenüber dem Neuen, hohe Chancen für zufällige, ungeplante Kontakte und so weiter. Innovative Milieus finden sich vor allem in den Städten, und die Merkmale, mit denen sie beschrieben werden, ähneln verblüffend den Merkmalen des Idealtypus europäischer Urbanität. Das legt die Vermutung nahe, dass es nicht nur inselhafte Milieus in der Stadt sind, die für eine besondere kulturelle Produktivität und Innovationskraft der Stadt verantwortlich sind, sondern Merkmale der Stadt selber.

Städte sind von jeher her Kristallisationspunkte von Informationen und Kontakten. Läpple nennt die Stadt einen »Zufallsgenerator für Kontakte, Informationen und Gelegenheiten«.10Aber die Stadt leistet noch weit mehr: Stadterfahrung per se gibt Anlass für die kritische Reflexion des scheinbar Selbstverständlichen und Gewohnten.11Damit ist Stadterfahrung eine mögliche Quelle von Kreativität und Innovation.

Stadt ist Erinnerungsraum. Ihre Gebäude, Straßen und Plätze halten die Erinnerung an frühere, ganz andere Formen städtischen Lebens wach. Wer die Stadt wie ein Palimpsest, wie ein mehrfach überschriebenes Pergament zu lesen versteht, der kann erfahren, wie am selben Ort zu früheren Zeiten ganz anders gelebt, gearbeitet, gedacht und geglaubt wurde. Eine ähnliche Erfahrung kann der Gang durch die verschiedenen Milieus einer Stadt vermitteln.

Moderne Städte sind als ein Mosaik kultureller Dörfer beschrieben worden, das sich zusammensetzt aus den ethnischen Kolonien der Zuwanderer wie aus den teilweise durchaus befremdlichen autochthonen Milieus der Künstler und Studenten, der Obdachlosen, der Homosexuellen, der Kleinbürger oder der internationalen Arbeitsmarkteliten.

Die Erfahrung, dass am selben Ort, vielleicht sogar im selben Gebäude zu anderen Zeiten ganz anders gelebt wurde, und dass zur selben Zeit, aber an anderen Orten der Stadt ganz anders gelebt wird, legt den Gedanken nahe, dass auch die eigene Lebensweise nur eine von vielen Möglichkeiten der Stadt ausdrückt. Das schafft Distanz zu den eigenen Routinen und Gewissheiten. Stadterfahrung ist eine Schule kritischer Reflexion und damit eine Voraussetzung von Innovation und Kreativität. Das Motto der IBA Heidelberg kann auch umgekehrt werden: Stadt schafft Wissen.

Die Rolle der IBA Heidelberg

Die Stadt als Ressource der Wissenschaft wird meines Wissens in der IBA bisher nur im Rahmen eines Projekts des Nosing Around in der Heidelberger Altstadt thematisiert. Es ist auch fraglich, ob mehr nötig ist. »Kreative Milieus« stehen seit Jahren im Fokus von Stadtforschung, niemand braucht eine IBA, um Aufmerksamkeit dafür zu wecken. Und ob kreative Milieus ein geeignetes Objekt der Stadtpolitik sind, kann man bezweifeln. Ihre informellen Strukturen entstehen im Nebenher und brauchen weniger Interventionen als in Ruhe gelassen zu werden. Die Stadt als Objekt der Wissenschaft ist eine Voraussetzung für jede IBA, aber kein Thema für eine IBA. Eine IBA soll die Ergebnisse der Stadtforschung nutzen, aber nicht erzeugen. Sicher ist es sehr wünschenswert, wenn die IBA Heidelberg systematisch wissenschaftlich beobachtet würde. Aber die Evaluation eines Prozesses kann nicht von den Prozessbeteiligten organisiert werden.

Bleibt die Partnerschaft von Wissenschaft und Stadt als zentrales Thema. Dass es ein konfliktreiches Thema ist, wurde oben schon angesprochen: konfligierende Interessen von Stadt und Wissenschaft, das strukturelle Desinteresse von Wissenschaft an ihrem Ort, die Tendenzen einer sozialen Spaltung, die zunehmende Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Alltagswissen. Aus manchen Äußerungen von Heidelberger Akteuren kann man die Besorgnis oder gar »Verzweiflung« heraushören über eine wachsende soziale und kulturelle Kluft zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der Stadtbürgerschaft und der Stadt.

Was leistet die IBA?

Die Tatsache, dass die Stadt diese IBA überhaupt eingerichtet hat, zeugt vom Willen, die hier angesprochene Kluft zu verringern. Die IBA soll als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft den Weg in die Zukunft einer Wissenschaftsstadt frei machen.

Schon die innerwissenschaftliche Diskussion über Fächergrenzen hinweg stößt auf Schwierigkeiten. Die Aufteilung der Universität auf drei Standorte macht das nicht leichter. Die städtebauliche Öffnung und Einbindung der Institutionen der Wissenschaft in die Stadt gestaltet sich erst recht schwierig. Gründe dafür sind oben genannt. Besonders deutlich wird das in der großen Distanz naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung zum Alltag der Stadtgesellschaft, die Naturwissenschaftler vor allem an innerwissenschaftlicher Kommunikation interessiert sein lässt. Es gibt aber auch handfeste technische Ursachen. Naturwissenschaftliche Forschung stellt sehr hohe und sehr spezifische Anforderungen an entsprechend spezialisierte Infrastrukturen und generell an ihren Standort, sehr aufwendige Vorkehrungen gegen Erschütterungen durch Bahnen oder Schwerlastverkehr sind unerlässlich. Diese kulturell und funktional begründete Distanz zur Stadtgesellschaft manifestiert sich räumlich als eine Art »Gewerbegebiet Wissenschaft«, zu dem die Städter nur als »Kunden« etwa der Kliniken Zugang haben und für das die Universität wie jeder große Gewerbebetrieb möglichst weite Flächenpotenziale für künftige Erweiterungen beansprucht. Die IBA ist an der Formulierung des Masterplans für das Neuenheimer Feld bislang nur peripher beteiligt. Es wird interessant sein, zu sehen, inwieweit und auf welche Weise es gelingt, auch die Naturwissenschaften auf dem Neuenheimer Feld stärker mit der Stadt räumlich, sozial und kulturell zu verflechten und umgekehrt innerhalb des naturwissenschaftlichen Campus’ urbane Qualitäten zu schaffen.

An Ort und Stelle

In wieweit es der IBA gelungen ist, ihr Thema Wissenschaftsstadt zu konkretisieren, diskutiere ich in diesem LOGbuch an fünf Projekten: Museum Prinzhorn, Collegium Academicum, EMBL, Campus Bergheim, Heidelberg Convention Center.12Das Thema der IBA Heidelberg ist so weit gefasst, dass sich leicht passende Projekte finden lassen, auch in vielen anderen Städten der Bundesrepublik. Die fünf genannten Projekte können aber beanspruchen, eine exemplarische Konkretisierung des Themas »Stadt der Wissenschaften« zu bieten, die sich so in anderen Städten nicht findt. Allerdings, keines dieser Projekte ist von der IBA initiiert worden, und wahrscheinlich würden mit Ausnahme des Collegium Academicum alle auch ohne die Unterstützung durch die IBA realisiert werden. Die Planung für den Campus Bergheim läuft sogar schon seit 1985, und einige Gebäude sind bereits bezogen. Welche Rolle kann die IBA da noch spielen?

Instrument – Keine Strategie

Es wäre wenig sinnvoll, die Leistungen der IBA Heidelberg etwa an denen der IBA Emscher Park zu messen. Dazu sind ihre Rahmenbedingungen zu schlecht. Es kann nur um die Frage gehen, was die IBA Heidelberg unter den gegebenen finanziellen, personellen und organisatorischen Bedingungen leisten kann. Das in Rechnung gestellt, leistet sie viel. Es ist auch nicht Aufgabe von IBA, unter Ausnahmebedingungen ideale Lösungen zu formulieren und diese dann machtvoll umzusetzen. Das Schicksal Sabbionetas, einer Idealstadt, die Vespasiano Gonzaga im 16. Jahrhundert erbaut hat, kann da als Warnung dienen. Nach dem Tod ihres Gründers verfiel sie zur menschenleeren Kulisse.13 Implantate, die nicht in der sie umgebenden Gesellschaft verankert sind, haben keine Aussicht, ihre Initiatoren zu überleben. Auch in den »heroischen Zeiten« der IBA ging es immer darum, in einer Ausnahmesituation Lösungen zu finden, die unter Alltagsbedingungen funktionieren. Das zwingt dazu, vorhandene Initiativen aufzugreifen und mit den lokalen Akteuren zu kooperieren. Die IBA ist ein Instrument zur Qualifizierung endogener Potenziale, keine Machtstrategie, die ideale Lösungen importiert und unter Ausnahmebedingungen durchsetzt. Das heißt nun nicht, eine IBA sei umso besser, je weniger sie zu melden hat. Je mehr das IBA-Label mit der sicheren Aus sicht auf Geld und internationale Aufmerksamkeit verbunden ist, desto attraktiver wird es für lokale wie internationale Akteure, sich auf die Qualitätszumutungen einer IBA einzulassen.

Eine IBA soll Lösungen entwickeln, die unter Alltagsbedingungen an konkreten Orten funktionieren. Eine IBA kann keine Initiativen ins Leben rufen. Sie hat die Funktion der sokratischen Mäeutikä, der Hebammenkunst, die das Zukunftsfähige in der Gegenwart entdeckt und den noch unfertigen Vorhaben hilft, sich zu professionalisieren.

Eine IBA ist eine Strategie zur QUALIFIZIERUNG der endogenen Potenziale. Um Projekte zu qualifizieren, muss man frühzeitig in sie eingebunden sein. Für einige Projekte ist die IBA recht spät ins Leben gerufen worden. Aber die IBA war immerhin vor wichtigen Wettbewerbsentscheidungen eingebunden, und auch beim Campus Bergheim sind noch grundsätzliche städtebauliche Fragen offen.

Die IBA wirkt nach Auskunft der Akteure in allen Projekten als IDEENGEBER. Sie hat die Anforderungen an die Programmatik der Projekte und an die architektonische und städtebauliche Qualität erhöht.

Verfahrensqualität

Die IBA hat in allen Projekten dazu beigetragen, die Verfahrensqualität zu erhöhen: durch die Verschränkung von dialogischen und konkurrierenden Verfahren durch Workshops zur Programmatik und deren baulicher Umsetzung, durch die Einbindung möglichst aller Akteure sowie von Experten aus dem In- und Ausland.

Die IBA kann Türen öffnen. Das Label IBA erleichtert den Zugang zu wichtigen Akteuren der Stadt. Damit hat die IBA Heidelberg insbesondere den weniger in der Stadt vernetzten Initiativen geholfen.

IBA erleichtert die Finanzierung. Sponsoren sind nicht nur ideell an den von ihnen geförderten Projekten interessiert, sie versprechen sich auch Image-Gewinne von ihrem Engagement. Das IBA-Etikett verschafft einem Projekt Aufmerksamkeit und macht es dadurch für Sponsoren interessanter. Auch gelingt es einem IBA-Projekt leichter, sich im Wettbewerb um Fördermittel von Land, Bund und EU zu behaupten. Die IBA war ein Argument für die Vergabe von sechseinhalb Millionen Euro Städtebauförderung für das Patrick-Henry-Village. Die Tatsache wiederum, den Zugang zu Bundesmitteln ermöglicht zu haben, hat wiederum das Prestige der IBA in der Stadtgesellschaft und in der lokalen Politik gestärkt.

Öffentlichkeit

Die IBA ist eine Bühne, auf der alle Akteure lokale, nationale und internationale Aufmerksamkeit und Ansehen gewinnen können, die wohl neben Geld wichtigste Motivation, sich an einer IBA zu beteiligen. Und am Austragungsort einer IBA zu sein, bedeutet Anerkennung für die Bürger, die sich zum Teil schon seit Jahrzehnten ehrenamtlich für das Museum Prinzhorn, das Heidelberg Convention Center oder das Collegium Academicum engagiert haben.

Die IBA Heidelberg ist ein Labor, um Ideen zu entwickeln, wie die Anforderungen der Wissensgesellschaft mit den funktionalen Erfordernissen der Stadtentwicklung und den ästhetischen Ansprüchen von Architektur und Städtebau versöhnt werden können. Das ist weiß Gott keine einfache Aufgabe. Wie sie gelöst werden könnte, soll im Jahr 2022 an voraussichtlich sechszehn Projekten exemplarisch konkretisiert werden. Wenn diese Projekte Schule machen, dann kann die Stadt als Campus der Wissensgesellschaft und die Wissenschaft als Teil einer urbanen Stadtgesellschaft fungieren, und beide, Stadt und Wissenschaft, können dabei gewinnen.