Alles anders, alles im Park

Katharina Schürer, Nicole Pollakowsky, Susanne Jung

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Mit 43,4 Hektar Größe umfasst das Areal der Campell Barracks gut ein Viertel des Heidelberger Stadtteils Südstadt: Rund ein Sechstel dieser Fläche wandelt das IBA-Projekt Der Andere Park in einen Spielraum für die Stadt- und Wissensgesellschaft um. Integriert sind fünf Kulturorte, die der Grünraum verknüpft. Natur, Architektur und die eigene Geschichte, die kommende und die vergangene, geben dem Park seine Identität. Aus früher funktional genutzten Gegenständen wie Überwachungskameras, Fahnenmasten und Verbotsschildern entstehen Installationen, die den Park für neue Geschichten öffnen.

HEIDELBERG IST GRÜN

Wer die Stadt aus der Luft betrachtet, stellt fest, dass fast drei Viertel des Gemeindegebietes von Wald bedeckt sind. Auch in den bebauten Bereichen lockern zahlreiche Bäume das Stadtbild auf. Einen größeren Park jedoch hatte Heidelberg bislang nicht. Das soll sich ändern. Im Süden der Stadt nimmt im Rahmen eines ambitionierten städtebaulichen Vorhabens nun ein Park Gestalt an: Im Zuge der Konversion Südstadt entsteht auf dem ehemaligen Militärgelände Campbell Barracks bis 2020 das IBA-Modellprojekt Der Andere Park.

Mit einer Größe von 43,4 Hektar umfassen die Campbell Barracks gut ein Viertel des Heidelberger Stadtteils Südstadt. Das bis 2013 militärisch genutzte Areal wurde in den 1930er Jahren als Großdeutschlandkaserne erbaut. Heute steht das Gelände unter Denkmalschutz und soll in den kommenden Jahren einen völlig neuen Charakter bekommen. Neben mehreren »Orten des Wissens« werden künftig ganz besondere Grün-und Freiflächen das Gelände prägen. Der Andere Parkwird zu einem 7.000 Quadratmeter großen Spielraum für die Stadt- und Wissensgesellschaft. In diesen Freiraum integriert sind fünf Kulturorte, die miteinander verknüpft werden und die gesamte Stadtgesellschaft ansprechen.

Der Heidelberger Begegnungspark ist offen für Alltag und Freizeit: spazieren, spielen, arbeiten, lernen, entspannen, picknicken, Kultur erleben, feiern und einander begegnen – zielgerichtet oder zufällig. Natur, Architektur und die eigene Geschichte geben dem Park seine Identität. Aus ehemals militärisch genutzten Gegenständen entstehen Kunstinstallationen, die zum Nachdenken und Erinnern anregen.

ALLES IM PARK – STATT AM PARK

Der Park soll nicht am Gartenzaun aufhören. Daher sprechen sich die öffentlichen und privaten Nutzer intensiv ab und gestalten ihre Vorzonen, die »Dazwischenräume«, so dass eine gemeinsame Park-Atmosphäre geschaffen wird. Bis Ende 2020 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Wegen seines Modellcharakters wird Der Andere Park vom Bund mit 5,9 Millionen Euro aus dem Fonds »Nationale Projekte des Städtebaus« gefördert.

»Die großen, streng symmetrisch angelegten Straßen und Plätze, ehemals von Militärfahrzeugen und zumExerzieren genutzt, in Begegnungs- und Kulturflächen umzuwandeln, ist eine Herausforderung«, formuliert IBA-Projektleiterin Franziska Bettac den gestalterischen Anspruch. Entstehen soll ein Park der Begegnung, der auch den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft nachzeichnet. Tonangebend ist dabei die Idee, die Stadt von ihren Freiräumen her zu denken und nicht von den Gebäuden. »Über das innovative Freiraumkonzept wird der ehemalige Kasernenhof zivil«, so Franziska Bettac.

RAUM FÜR BEGEGNUNG

»Der Freiraum ist oft das Spannende, um einem Ort seineIdentität zu geben«, findet Landschaftsarchitektin RobinWinogrond. Der Entwurf ihres Büros Studio Vulkan aus Zürich ist als Sieger aus dem von der Stadt Heidelberg und der IBA ausgeschriebenen Wettbewerb hervorgegangen.

Als »Park der Begegnung« soll das Areal Winogrond zufolge Dialoge zwischen der vielfältigen, heterogenen Nutzerschaft fördern. »Wir nehmen etwas, das geschlossen war und nur einem bestimmten Kreis von Menschen zugänglich, und machen es zu einer sozialen Angelegenheit – wir kehren und deuten es um«, so die Gestalterin.

Passend zum IBA-Thema »Vernetzungen« geht es auch darum, Verknüpfungen herzustellen und Kooperationen zu ermöglichen – sowohl miteinander, als auch mit den verschiedenen Kultur- und Wissensorten, die Teil des Park-Areals sind!

Einer dieser Wissensorte ist die sogenannte »Chapel«, die zum Stadtteiltreff und Ort baukulturellen Austauschs ausgestaltet wird, oder auch die ehemalige Kommandantur, in der das Mark Twain Center als Haus für die Erforschung der transatlantischen Beziehungen seinen Sitz hat. Auch das Kulturhaus »Karlstorbahnhof«, eine weit über die Region hinausreichende Kultureinrichtung, wird in der Südstadt auf dem Parkgelände ihren neuenStandort finden. In direkter Nachbarschaft wird dasKreativwirtschaftszentrum Raum für Start-ups anbieten. Eine private Hochschule für Gesundheitsberufe nimmt im ehemaligen Torhaus ihren Betrieb auf. Diese verschiedenen Kulturorte miteinander ebenso wie mit ihrer Geschichte zu verbinden und daraus einen Park zu machen, war die spannende Herausforderung, der sich Robin Winogrond gegenüber sah. Ihre Lösung: »Wir haben versucht, jedes Gestaltungselement, das wir verwendet haben, mehrfach belastbar zu machen, so dass es in mehr als einer Weise interpretiert werden kann.« Ein Beispiel ist das rote Band oder Netz – einOberflächenbelag aus Recyclingbeton, der eine leichterote Einfärbung bekommt und sich als verbindendes Element durch das gesamte Gebiet zieht. »Das rote Band verbindet den Park optisch auf der Bodenebene, es ist das Historische und verdeutlicht den Zusammenhang«, beschreibt es Robin Winogrond. »Der Naturstein der Region ebenso wie viele Bauten haben diese Farbe. Wir nehmen die Steine auch von Mauern und Wegen, wir schreddern sie und gießen sie in einen neuen Belag. Das heißt: Wir betten die genetischen Spuren des Ortes hinein und machen sie neu begehbar. Viele Elemente bekommen so ein neues Narrativ.«

»Wir sorgen dafür, den radikalen Entwurfsgedanken trotz aller praktischen Herausforderungen umzusetzen. Damit der Park wirklich anders und ein echtes Zukunfts-Projekt wird.«

Dem roten Band als historischem Element stellen die Planer ein zeitgenössisches Element gegenüber: die sogenannten Sitzwaben, sechsseitige Podeste mit farbigenOberflächen, die aneinander angedockt werden können. Die Sitzlandschaften, die so entstehen, sind offen in alle Richtungen und über das ganze Park-Gelände verteilt.

Auch in der Vegetation haben die Landschafts-architekten eine Leitart definiert: die Eiche. »Unter Hitlergalt die deutsche Eiche als Symbol für Treue, Standhaftigkeit und nationale Einheit«, so Winogrond – diesen Gedanken wollen sie und ihr Team umdeuten. In ihrem Entwurf für den Anderen Park mischen sie bewusst europäische und amerikanische Eichen, um den Dialog zwischen den Völkern zu unterstreichen. Im Bereich des »Kulturmarkts«, des Platzes vor dem künftigen Karlstorbahnhof und dem Kreativwirtschaftszentrum, dominierenexotische Pflanzen und Bäume. Symbol dafür, dass an diesem Ort »die Kulturen zusammenkommen und Kreativität ebenso wie Out-of-the-box-Denkenstattfinden«, so Robin Winogrond. 

EIN BILDUNGSORT ENTSTEHT

Mit Blick auf die Geschichte des Areals sagt die Gestalterin: »Wahrscheinlich ist Bildung die allerbeste Nutzung, die man sich dafür vorstellen kann.« Die ehemalige militärische Nutzung des Gebiets – als Nazikaserne gebaut, dann als Kaserne der US-Streitkräfte erweitert und schließlich als NATO-Hauptquartier genutzt – hat in ihr den Wunsch geweckt, mit ihrem Konzept einen Beitrag zu leisten zum Umgang mit der Vergangenheit. »Man kann die Geschichte als deutsche Person nicht vermeiden, man muss sich mit ihr auseinandersetzen «, ist die Amerikanerin überzeugt. »Die Idee hinter unserem Konzept für den Anderen Park ist eine leichte, humorvolle Bespielung der Geschichte. Denn meiner Meinung nach hilft eine positive Umdeutungdabei, Geschichte besser anzunehmen, zu reflektierenund letztendlich auch daraus zu lernen.« In diesem Sinne haben die Gestalter viele funktionale, auch historisch belastete, Gegenstände und Symbole wie etwa den Adler aufgegriffen und umgestaltet. Entlang einer »Memory Lane« begegnen den Besuchern fast wie in einer Ausstellung historische Gegenstände, die verfremdet dargestellt werden und den Betrachter mit Vergangenem konfrontieren: Herrschafts-Strukturen und -Symbole wie Eiche, Adler oder Überwachungskameras treten neu als Skulpturen, Vogelhäuser, Spieldächer oder Informationstafeln auf. »Die Kunst ist, diesem Ort eine Gestalt zu geben, die all diese spannenden atmosphärischen Situationen unterstützt, anstatt sie zunichte zu machen oder zu entfernen«, so Robin Winogrond. Auch Franziska Bettac unterstreicht dieses Vorgehen: »Das Vorhandene wird einbezogen und neu interpretiert: Artefakte militärischer Nutzung werden mit subtilen Kniffen als Kunsteingesetzt und damit persifliert«, formuliert es die IBA-Projektleiterin.

PLANUNG MIT NUTZERINNEN UND NUTZERN

Welche Bedeutung das Verbindende und die Vernetzung bei der Entstehung des Anderen Parks hat, zeigt auch das Planungsverfahren. Von Beginn an wurden die künftigen Nutzer ebenso wie alle Bewohnerinnen und Bewohner der Südstadt intensiv mit eingebunden. Eine hohe Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gab es für die Entwicklung der Spielflächen, ganzer »Spielewelten«, dieim Bereich des ehemaligen Check-Points viel Raum einnehmen werden. 

ARBEITEN, SPIELEN, ALLTAG

Sämtliche Lebensbereiche sollen sich im Anderen Park durchmischen, ohne Begrenzung oder Abschottung. Alles, so das Ziel, soll einen gemeinsamen Geist ausstrahlen. Die Landschaftsarchitekten von Studio Vulkan haben in diesem Zusammenhang den Begriff der »Dazwischenräume« geprägt: Breite Zugangswege schaffen produktive Verwebungen mit den umliegenden Gebieten. Speziell die trennende Wirkung der Römerstraße soll minimiert und die beiden Teile der Südstadt enger miteinander verbunden werden. »Dass die Römerstraße deutlich in den Blick genommen wurde, liegt an den Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben ihre Einbindung als verbindende Brücke immer wieder thematisiert«, erinnert sich Architektin Friederike Winkler, die selbst als Nutzerin für die Chapel am Planungsprozess teilgenommen hat. Der Andere Park erstreckt sich als Ensemble über die Römerstraße hinweg – optisch gekennzeichnet auch hier durch die rote Einfärbung des Bodenbelags des Straßenraums zwischen dem zentralen Park um die ehemalige Kommandantur und dem Stadtteiltreff in der Chapel. Der Siegerentwurf des Züricher Teams schlägt daher eine alleeartige Umgestaltung mit Mittelbaumreihe für die starkbefahrene Straße vor. Ein Teil der denkmalgeschützten Außenmauer an der Westseite der Römerstraße soll als offene Pergola umgestaltet und begrünt werden. Diese Maßnahmen können zwar nicht komplett aus dem aktuellen Budgettopf für den Park finanziert werden. Die Stadt hat aber zugesichert, die Umgestaltung der Römerstraße bald in Angriff zu nehmen, damit die alte und die neue Südstadt durch den Park wirklich zusammenwachsen können. Der Wunsch von Landschaftsarchitektin Robin Winogrond für den Anderen Park ist, dass das Raumangebot, das sie mit ihrem Team entworfen hat, auch angenommen wird. »Wir haben in diesem riesigen Raum Nischen geschaffen und trotzdem die Maßstäbe des Ortes beibehalten«, so die Planerin über ihren Entwurf. »Wenn die Menschen die verschiedenen Stimmungen und Orte, die wir anbieten, in ihrer Vielfalt annehmen und genießen, wäre das schon eine große Sache.« Nicht zuletzt wünscht sich die Wahl-Schweizerin, dass die Besucher in ihren Park kommen mögen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Die IBA unterstützt das Projekt Der Andere Park bereits über einen langen Zeitraum hinweg. »Jetzt sorgen wir dafür, den radikalen Entwurfsgedanken trotz aller praktischen Herausforderungen umzusetzen«, so Projektleiterin Franziska Bettac. »Damit der Park wirklich anders und ein echtes Zukunfts-Projekt wird.«