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Heidelberg, 26. September 2016 | Pressemitteilung der IBA Heidelberg

Szenarien von MVRDV und Carlo Ratti Associati entwerfen Bilder für US-Militärfläche

Patrick Henry Village als Experimentierfeld für neue Planungsverfahren oder als »Kommune« für die Sharing Economy

Wie kann die ehemalige US-Militärfläche Patrick Henry Village (PHV) in Heidelberg zu einer Wissensstadt von Morgen werden? Um das herauszufinden, hat die Internationale Bauausstellung Heidelberg zusammen mit weltweit renommierten Planungsbüros, der lokalen Stadtgesellschaft und externen Experten im Mai 2016 eine »Planungsphase Null« gestartet und dabei mögliche Zukunftsszenarien entwickelt. Die ersten beiden Szenarien der Büros MVRDV und Carlo Ratti Associati wurden am Freitag, 23. September 2016 im Kreativwirtschaftszentrum Dezernat 16 in Heidelberg vorgestellt. Die Szenarien zeichnen mögliche Zukünfte für die Fläche – zum einen durch die Fortschreibung vorhandener Trends, zum anderen indem sie bisher unbekannte Entwicklungspfade beschreiten.

Szenario 1 von MVRDV
US-Fläche als Experimentierfeld für innovative Architektur und Planung

Aus den Herausforderungen des Patrick Henry Village möchte MVRDV Stärken machen: Die Insellage der rund 100 ha großen Fläche sowie die Entfernung zum historischen Kern Heidelbergs öffnen laut Winy Maas, Professor für Urban Design an der TU Delft und Gründer von MVRDV, die Möglichkeit, den neuen Stadtteil für innovative und radikalere Architektur und Planung zu nutzen: »Heidelberg ist bekannt für seine historische Substanz, Touristen aus der ganzen Welt besuchen die Altstadt. Die IBA hat nun die unglaubliche Chance, im PHV eine Nachbarschaft zu bauen, die genauso attraktiv sein kann wie die Altstadt – nur vollkommen anders. Hier wollen wir Weltklasse! ‚Free Henry’ kann für Heidelberg als ultimativ-experimentelle Spielwiese von essentieller Bedeutung sein«, so Maas. Sein Szenario macht die US-Fläche zu einer Enklave für Start-Ups und experimentelles Wohnen. Die vorhandenen Gebäude sollen für neue und innovative Zwecke umgenutzt werden: Wissenschaft und junge Unternehmen können dort günstige Räumlichkeiten erhalten. Bestehende Gebäude werden für experimentelle Wohnformen mit Künstlern oder Flüchtlingen umgenutzt. Maas wichtigstes Anliegen: »Free Henry« könnte zu einer deregulierten Zone für innovative Planungspolitik werden. Ein architektonisch geschulter Supervisor, der den weiteren Planungsprozess betreut, könnte dabei exzellente Ergebnisse für die Fläche gewährleisten.

Szenario 2 von Carlo Ratti Associati
Das PHV als Kommune in der Sharing Economy

Das Büro Carlo Ratti Associati schlägt vor, die 100 ha große Fläche in einem ersten Schritt für eine Gemeinschaft zu öffnen, die sich ganz dem digitalen Teilen von Gütern und Dienstleistungen verschreibt. Carlo Ratti, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, Leiter des dortigen Senseable City Labs und Gründer von Carlo Ratti Associati, sieht darin die Chance, ein starkes Alleinstellungsmerkmal für die abgelegene US-Fläche zu schaffen und gleichzeitig einen Anreiz für Lokale und (Wissens-)Nomaden im PHV zu leben: »Geschichtlich betrachtet waren Kommunen immer zukunfts-orientierte Gesellschaften in denen neue soziale Utopien mit innovativer Architektur verbunden waren. Das PHV, eine amerikanische Enklave im Herzen Europas, schien uns als der ideale Versuchsraum eine solche soziale und baukulturelle Utopie zu testen.« Der Ansatz von Rattis Team: Gemeinschaftlich genutzte Flächen sollen im Sinne der Sharing Economy massiv ausgebaut werden. Gleichzeitig könnte die vorgefundene Bausubstanz in ihren Grundzügen erhalten werden. Durch das Teilen ergeben sich in den Gebäuden Platz für die Überlagerung unterschiedlicher Nutzungen. Ratti plädiert dabei für einen weitestgehend von privaten Autos befreiten Stadtteil: Die Vernetzung sollte durch Car und Bike Sharing Systeme und eine Flotte selbstfahrender Kleinbusse erfolgen. Dies schafft wiederum Raum für innovative Nutzungen: Die Garagen, die zu jeder der alten Offiziersvillen gehören, sollen à la Steve Jobs zu kleinen Fab-Labs umgewandelt werden, die Kreativität und Handwerk zurück in die Stadt bringen. Rattis Szenario spielt weiter mit dem architektonischen Erbe der Amerikaner: Die verschiedenen Haustypologien auf der Fläche wie die dreistöckigen Wohngebäude sollen zu flexibleren und gemeinschaftlich genutzten Flächen umgewandelt und innovativ miteinander verknüpft werden. Entlang der Autobahn ist in einem späteren Entwicklungsschritt eine die »Kommune« ergänzende Bebauung möglich. Herz des Stadtteils werden zwei Maker Palaces, also öffentliche Hallen, in denen Arbeiten, Freizeitgestaltung und Feste nahtlos ineinander übergehen können.


IBA_GAME | 20.000 Blocks: Stadtgesellschaft mit in Planungen eingebunden

Die IBA legte bei der Erstellung der Szenarien mit den Planungsbüros besonderen Wert auf die Einbindung diverser Zielgruppen. Auch die Stadtgesellschaft sowie lokale Experten hatten sich an der Erarbeitung der präsentierten Szenarien beteiligt. Den engagierten Bürgerinnen und Bürgern dankte Nicole Huber, Leiterin des OB-Referates in Heidelberg: »Heidelberg hat viel Potential, welches es zu erhalten, zu fördern und neu zu entdecken gilt. So auch das PHV: Wir wollen hier die Herausforderung der Konversion bestmöglich meistern und die 100 ha große Fläche des PHV zu einem wertvollen Lebensraum für unsere Bürgerinnen und Bürger entwickeln.«
Besonders Jugendliche will die IBA als zukünftige Nutzer des Patrick Henry Village auf die Potenziale aufmerksam machen. Die Digital Design Unit der TU Darmstadt hat daher eigens für den Planungsprozess zum PHV das Computerspiel IBA GAME | 20.000 Blocks aufbauend auf dem Spiel Minecraft entwickelt, das auf dem Bürgerforum spielbar war.

Internationale Bauausstellungen schaffen Freiheit im Planungsalltag

Michael Braum, Geschäftsführender Direktor der IBA Heidelberg, freut sich über die ersten Ergebnisse: »Die Büros MVRDV und Carlo Ratti Associati haben mit ihren Szenarien beeindruckend aufgezeigt, was auf einer so anspruchsvoll zu planenden Fläche wie dem Patrick Henry Village alles möglich sein könnte. Während Carlo Ratti konkrete Vorschläge entwickelt hat, wie die digitale Zukunft schon morgen auf dem PHV beginnen könnte, hat MVRDV kraftvolle Bilder entworfen, die den Blick frei machen für Neues. Bei beiden Szenarien handelt es sich um gleichermaßen radikale Vorschläge, die im normalen Planungsalltag keinen Platz hätten. Diese Freiheit, Städte neu zu denken und innovative Ansätze in Architektur und Planung zu erproben, ist wichtigster Teil einer IBA und eine große Chance für die US-Konversionsfläche.« Beide Szenarien werden die Entwicklungsvision von Kees Christiaanse für die Wissensstadt von Morgen inspirieren, die im März 2017 die »Planungsphase Null« beschließen wird.

Das IBA_GAME | 20.000 Blocks wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von Eternit.