GESCHICHTE DER INTERNATIONALEN BAUAUSSTELLUNG

Internationale Bauausstellungen (IBAs) gibt es seit über hundert Jahren. Sie experimentieren im Bereich der Architektur und des Städtebaus und setzen Impulse, die über ihre Zeit hinausweisen. Jede IBA untersucht dabei die besonderen örtlichen, historischen und gesellschaftspolitischen Bedingungen ihrer Zeit und findet in eigener Weise zu neuen Konzepten und Projekten. Über die Jahrzehnte können IBAs in vier Etappen gegliedert werden.

1901–1957 ▸ Die Bauausstellung als internationale Leistungsschau der Architektur
Diese IBAs entstanden in historischen Umbruchzeiten und konnten mit starkem politischem Willen sowie großen Budgets architektonisches und gestalterisches Neuland erschließen.

1979–1999 ▸ Internationale Bauausstellungen als Sanierungsinstrument im Städtebau
Erstmals tritt die Auseinandersetzung mit dem Baubestand in den Vordergrund, konkret geht es um sanierungsbedürftige Stadtquartiere und das brachliegende Erbe der Industrialisierung.

2000–2013 ▸ Internationale Bauausstellungen als Einflussfaktoren der Planungskultur
IBAs setzen an der Schnittstelle zwischen Stadt- und Regionalentwicklungspolitik an und beeinflussen modellhaft strategische Planungs- und Projektentwicklung.

2010–2023 ▸ Internationale Bauausstellungen in neuem Maßstab und transnationaler Kooperation
Aus lokalen Besonderheiten werden Themen – beispielsweise »Planung von unten« – analysiert, die mit anschließenden Programmen und Projekten internationale Strahlkraft entwickeln.

Auf der Webseite https://www.open-iba.de wird über Format und Geschichte Internationaler Bauausstellungen detailliert informiert und anhand ausgewählter Projekte deren Innovationskraft und Exzellenz dargestellt.

DIE IBAS

1901 ▸ Mathildenhöhe Darmstadt: Ein Dokument deutscher Kunst

Im Jahr 1899 entstand auf Initiative von Großherzog Ernst Ludwig die Künstlerkolonie Darmstadt, deren Gesamtplanung dem jungen Architekten Joseph Maria Olbrich übertragen wurde. Ein umfassendes und ganzheitliches Konzept charakterisiert diese Bauausstellung. Quartiersgrundriss, Atelier- und Wohnhäuser, Ausstellungsgebäude, die Inneneinrichtungen – von der Türklinke bis zum Städtebau fügten sich die Entwürfe und Planungen zu einem Gesamtkunstwerk. In gemeinsamer Arbeit gaben Architekten, Maler, Bildhauer und Vertreter der angewandten Kunst der Mathildenhöhe eine neue Gestalt.

1927 ▸ Weißenhofsiedlung Stuttgart: Zeugnis Neuen Bauens

Mit dem Titel »Die Wohnung« präsentierte diese Bauausstellung erstmals national und international die vom Deutschen Werkbund geforderten neuen Formen des Wohnens. Es beteiligten sich 17 Architekten, darunter Le Corbusier, Walter Gropius und Hans Scharoun. Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe schufen sie ein Wohnprogramm für den modernen »Großstadtmenschen«, das sie in 21 Musterhäusern umsetzten. Die funktionsbetonte, schlichte Architektur der Weißenhofsiedlung stand für die Baukunst der Moderne.

1957 ▸ Interbau Berlin: Wettstreit der Systeme

Als Antwort auf die sozialistische, monumental-klassizistische Stalinallee Ost-Berlins präsentierte die Interbau 1957 das kapitalistische, der West-Moderne entsprechende Modell der »Stadt von Morgen«. Auf der Grundlage des von den Architekten Gerhard Jobst, Willy Kreuer und Wilhelm Schließer gewonnenen städtebaulichen Wettbewerbs entwarfen Vertreter einer internationalen Avantgarde Gebäude, die einen ausgeprägten Bezug zu der von Walter Rossow entworfenen Parklandschaft hatten. Das Hansaviertel, ursprünglich als Prototyp für die Flächensanierung der Nachkriegsmoderne gedacht, gilt bis heute als international anerkanntes Referenzprojekt einer nachkriegsmodernen Stadtlandschaft, das bei seinen Bewohnern außerordentlich beliebt ist.

1979–1984/87 ▸ IBA Berlin: Die Innenstadt als Wohnort

Weil die Sanierungspraxis bundesdeutscher Städte zunehmend angeprangert wurde, sollte in Demonstrationsgebieten in West-Berlin die »Kritische Rekonstruktion der Europäischen Stadt« erforscht werden. Dabei wurden zwei parallele Ansätze verfolgt: Im Rahmen der »IBA-Neubau« entstanden vor allem Wohnungsbauten international arbeitender Architekten, die der Postmoderne beziehungsweise dem Dekonstruktivismus zuzuordnen sind: Peter Eisenman, John Hejduk, Rem Koolhaas oder Rob Krier. Die »IBA-Altbau«, gesellschaftspolitisch ambitionierter, widmete sich der »Rettung der kaputten Stadt« durch behutsame Modernisierung und Umnutzung bestehen- der Gebäude.

1989–1999 ▸ IBA Emscher Park: Zukunft für eine Industrieregion

In der ehemaligen Industrieregion wurden auf mehr als 800 Quadratkilometern 117 landschaftsplanerische und städtebauliche Projekte für den ökologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbau realisiert. Erstmals rückte die Landschaftsgestaltung und -architektur zum Aufbau einer regionalen Identität in den Vordergrund planerischer Konzepte. Ziel war, einen grundlegenden Wandel im Umgang mit »verbrauchtem Raum« zu fördern. Industrieensembles, als Zeichen des industriellen Niedergangs stigmatisiert, wurden zu identitätsstiftenden Bauten, die heute Markenzeichen der Städtelandschaft Ruhrgebiet sind. Mehr unter www.iba.nrw.de

2000–2010 ▸ IBA Fürst-Pückler-Land: Werkstatt für neue Landschaften

Anfang der 1990er-Jahre war die Niederlausitz geprägt von verödeten Landschaften und aufgegebenen Industriebauten. Die IBA verlieh diesem gewaltigen Strukturwandel neue ökonomische, ökologische und gestalterische Impulse mit dem Ziel, brachliegenden Landschaftsbereichen eine neue Identität zu geben. Sie setzte sich für Erhalt und Umnutzung von Industriedenkmälern ein, förderte Stadtumbauprojekte und die touristische Erschließung der verwüsteten Gebiete des Braunkohletagebau. Mehr unter www.iba-see2010.de

2002–2010 ▸ IBA Stadtumbau: Weniger ist Zukunft

Der starke Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland traf vor allem die Klein- und Mittelstädte, die angesichts der Schrumpfung neue Konzepte für die Stadtentwicklung brauchten. In Sachsen-Anhalt wurden in 19 Städten neue Werkzeuge des Stadtumbaus erprobt. Auf staatlicher, kommunaler und zivil- gesellschaftlicher Ebene sollte eine Expertise für die Praxis entwickelt werden. Die IBA thematisierte Entwicklungschancen von Städten ohne Wachstum. Zu ihren Instrumenten gehörten öffentliche, aktivierende Interventionen für Bürgerbeteiligung und die Beratung der beteiligten Städte. Mehr unter www.iba-stadtumbau.de

2006–2013 ▸ IBA Hamburg: Sprung über die Elbe

Auf Hamburgs Elbinseln bündelten sich die Probleme und Potenziale heutiger Metropolen: eine internationale Stadtgesellschaft und ein zerrissenes, urbanes Gefüge. Die IBA trieb die Entwicklung der Stadtteile Wilhelmsburg, Veddel sowie Harburger Binnenhafen mit rund 70 gebauten, kulturellen, sozialen und ökologischen Projekten voran. Dabei setzte sie auf gute Bildungs- und Kulturangebote und die Entwicklung von Grenz- und Übergangsorten zu lebenswerten Quartieren und auf klimaverträgliches Wachstum. Mehr unter www.iba-hamburg.de

2010–2020 ▸ IBA Basel: Gemeinsam über Grenzen wachsen

Thema ist die grenzübergreifende Entwicklung der stark fragmentierten Agglomeration im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Ziel ist es, das Zugehörigkeitsgefühl und die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in der gemeinsamen Region zu fördern, die grenzüberschreitende Kooperationskultur zu verbessern und die internationale Ausstrahlung des IBA-Projektgebietes zu stärken. Dazu bringt die IBA Basel private und öffentliche Akteure zusammen und schafft verbindliche Projektpartnerschaften über die nationa- len, kantonalen und kommunalen Grenzen hinweg. Mehr unter www.iba-basel.net

2012–2022 ▸ IBA Heidelberg: Wissen | schafft | Stadt

In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden sich unsere Städte ähnlich dynamisch verändern wie in der Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Städtebauliche und architektonische Antworten dafür zu finden, begreift die IBA Heidelberg als ihre wichtigste Aufgabe. In den thematischen Schwerpunkten Wissenschaften, Lernräume, Vernetzungen, Stoffkreisläufe und Koproduktion zeigt sie Referenzprojekte, die in vielen Komponenten weit in die Zukunft weisen. Dabei stimuliert sie die Realisierungsprozesse als intermediärer Akteur, unter anderem mit internationalem Wissenstransfer.

2012–2023 ▸ IBA Thüringen: STADTLAND

Durch gleichberechtigte und innovative Stadt-Land-Beziehungen sollen Probleme in einem Bundesland mit äußerst kleinteiliger Siedlungsstruktur (besser) gelöst werden. Die Bevölkerung schrumpft, es muss gegen den Klimawandel und für die Energiewende gearbeitet werden, sozio-kulturellen Veränderungen im gesamten Freistaat gilt es Rechnung zu tragen. Dem begegnet die IBA mit neuen Ideen und exemplarischen Projekten. Mehr unter www.iba-thueringen.de

2013–2020 ▸ IBA Parkstad: Parkstad in Bewegung

Die ehemalige Bergbauregion Parkstad Limburg in den Niederlanden hat mit Arbeitslosigkeit und Abwanderung zu kämpfen. Die IBA treibt den Stadtumbau voran, erschließt neue Wirtschaftsfelder, forciert die Energiewende und verleiht Wirtschaft, Raumordnung und Gesellschaft neue Impulse. Durch frühzeitige Bürgerbeteiligung will die IBA auch einen Werte- und Bewusstseinswandel in der Bevölkerung erreichen. Mehr unter www.iba-parkstad.nl/de

2016–2022 ▸ IBA Wien: Neues soziales Wohnen

Wien gilt als eine der führenden Städte des Sozialen Wohnbaus, ist aber seit vielen Jahren mit einem überdurchschnittlich hohen Bevölkerungswachstum konfrontiert. Die IBA Wien setzt daher nicht nur auf Neubau, sondern auch auf den Weiterbau der Stadt und sehr grundsätzlich auf das Zusammenleben in Wien. Den Rahmen für ihre Aktivitäten bilden neue soziale Quartiere, neue soziale Qualitäten und neue soziale Verantwortung. Mehr unter www.iba-wien.at

2017–2027 ▸ IBA StadtRegion Stuttgart: Wandel im Wachstum

100 Jahre, nachdem die europäische Architekten-Avantgarde in der Weißenhofsiedlung ihr damals radikales »Wohnpro- gramm für den modernen Großstadtmenschen« vorstellte, soll die IBA 2027 gänzlich neue Antworten nden auf die Frage: Wie leben, wohnen, arbeiten wir im digitalen und globalen Zeitalter? Dabei orientiert sie sich an den Leitthemen: Baukultur einer neuen Moderne, integrierte Quartiere, neue Technolo- gien für die lebenswerte Stadt mit ihrer heterogenen Region. Mehr unter www.iba2027.de